Mittwoch, 14. November 2007

Entre Ríos, Tarija

Campamento
Richtige "Ferien" gibt es zwar erst Ende Januar, aber dank einem (freiwilligen) ICYE-Camp kam doch mal etwas Abwechslung in mein bolivianisches Alltagsleben. Auch wenn ich mich eigentlich nicht gross beklagen kann, so ganz richtig hat sich das Gefühl von grauerRoutine nämlich noch nicht eingestellt.
Zusammen mit den anderen Sucre-Austauschern (mit Ausnahme von Esther, meiner Landsfrau) fuhren wir am Mittwochnachmittag gegen drei Uhr Richtung Tarija los. Bis kurz nach Potosí war die Fahrt ja noch einigermassen angenehm (d.h. die ersten 4 Stunden). Danach jedoch verliessen wir die asphaltierte Strasse und holperten im Dunkeln durch zahlreiche Umleitungen - an einer besseren Strasse nach Tarija wird schon seit Jahren gebaut, aber das braucht eben Zeit.
Nach 12 Stunden Fahrt kamen wir früh morgens um 6 in Tarija an. Kleiner, grüner und sauberer als Sucre. Den Tag verbrachte ich mit Verwandten meiner Gastfamilie (meine Gastmutter hat Geschwister in nahezu jeder grösseren Stadt Boliviens, kein Wunder bei 8 Stück). Für die 110 Kilometer nach Entre Ríos, unserem Bestimmungsort, brauchten wir fast 4 Stunden - stellt euch bitte eine schmale, unasphaltierte, kurvige Strasse vor...
Im Camp selber genossen wir für drei Tage Natur pur und den Austausch mit unseren Schicksalsgenossen. Auf dem Programm standen ausserdem Reiten, Schwimmen im Fluss, Spaziergang durch die Gegend, Kanufahren im Teich, Abseilen an einer (kaum 4m hohen) Mauer, Besuch einer lokalen Schule&Fussballfreundschaftsspiel, Sightseeing in Downtown Entre Ríos und am letzten Tag Spaziergang durch Urwald (nicht Dschungel!) ähnliches Gebiet um Wasserfälle zu besichtigen.
Drei schöne Tage, allerdings ziemlich wenig wenn man die Anreisezeit von fast 20 Stunden bedenkt. Ich bezahlte das dann auch mit einer Erkältung die an graue, nasse und kalte November erinnerte - und das bei der Hitze, die zumindest am ersten Tag in Entre Ríos geherrscht hat...

http://www.lib.utexas.edu/maps/americas/bolivia_pol93.jpg

Entre Ríos, Tarija


(zurück bei Picasa :))

Der iiih-dee-atsche - oder das neueste politische Ärgernis
Ja, dieser IDH hätte tatsächlich das Zeug zum Unwort wenigstens des Monats aufzusteigen, so oft sieht, hört und liest man darüber. Konkret bezeichnet IDH die Einkünfte aus den Steuern auf Öl, Gas, Diesel&Co., von denen bisher ein Grossteil an die Präfekturen der verschiedenen Departemente gegangen ist. Der gute Evo Morales, Präsident Boliviens, indigener Abstammung, mit über 55% der Stimmen gewählt und Angehöriger des MAS - Movimiento al Socialismo - hat nun aber seinen neuesten Coup gelandet: die "Renta Dignidad". Diese Rente der Würde sichert allen, ausnahmslos allen, über 60-jährigen Bolivianern 200 Bolivianos/Monat zu. Das finden aber Präfekturen, Universitäten, aber auch ältere Leute gar nicht toll - wieso sollen diese Campesinos (vgl. Subventionen an Bergbauern), die ihr Leben nicht gearbeitet haben, jetzt Geld bekommen?
Konsequenz? Das übliche: Demos und Bloqueos, natürlich nur in den Provinzen, die sowieso Regierungskritisch eingestellt sind.

Projekt
Was anfangs einfach perfekt schien, zeigt je länger je mehr Makel: meine Arbeit bei der A.S.E. ist leider immer weniger das, was ich mir vorgestellt habe. Anstatt die Umwelt Sucres zu retten, verbringe ich meine Zeit hauptsächlich im Büro mit Zeitungslesen oder Dokumenten einscannen. Auch so tolle Aktionen wie die Stofftaschen auf dem Markt verteilen oder den Schulen Mülleimer zu schenken vermögen nicht darüber hinweg zu täuschen, dass die A.S.E. eher informativ als aktiv handelt. Auch über den allzu lockeren Umgang mit Geld (aus dänischer, englischer und schweizer Entwicklungshilfe) kann ich nicht länger einfach hinwegsehen. Momentan bin ich also damit beschäftigt, ein neues Projekt ausfindig zu machen. Ein Projekt, in dem ich gebraucht werde und das Gefühl habe etwas zu bewirken. Denn dazu bin ich ja schliesslich hier, um etwas sinnvolles zu machen.

Montag, 5. November 2007

Vida cotidiana (Teil IV)

Tia Domingas Garten
Der Frühling kommt, die Vöglein zwitschern, die Gräslein spriessen. Zeit für einen Rundgang durch den Garten von Tia Dominga. In dem es einen Granatapfelbaum, einen Aprikosenbaum, mehrere Pfirsichbäume, einen Apfelbaum, einen Zwetschgenbaum, einen Kaktus der Früchte trägt und was weiss ich noch was alles hat. Im Moment hängen an den Bäumen noch nicht viel mehr als kleine, grüne Kügelchen, aber ich freue mich schon, wenn die Früchte alle reif sind :)

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(photobucket weigert sich momentan eine Slideshow zu erstellen, und ich muss den PC frei machen)

Matrimonio
Vergangenen Sonntag hatte ich die Gelegenheit an einer Hochzeit der Unterklasse teilzunehmen. Die Braut war die schwangere 16-jährige Nichte, des Mädchens, das uns immer sonntags putzen hilft. Die (zivile) Trauung fand im Wohnzimmer des Hauses statt, in dem auch die Mutter, die Geschwister, die grossmutter und diverse Tanten und Cousinen der Braut leben. Dasselbige war mit Klopapier-ähnlichen Girlanden geschmückt, ganz abgesehen von den mehr oder minder kitschigen Nippes und den Plüschtieren auf der Wohnwand. In der Ecke brummte der Kühlschrank vor sich hin, und die Musik zum anschliessenden Hochzeitswalzer schepperte aus dem Fernseher, der dazu fröhliches Schneegestöber ausstrahlte.
Obwohl mehrmals betont wurde, dass Braut und Bräutigam freiwillig hier seien, wurde ich den Eindruck nicht ganz los, dass es eine Heirat unter Druck war - wie sagte doch die Mutter (33) der Braut: "Ich will nicht, dass meine Tochter so endet wie ich". Gerade glücklich wirkte das Brautpaar ja auch nicht.
Nach vollzogenem Trauakt und verstreutem Konfetti ging es mit Tanzen und Trinken los. Ich konnte den Verdacht nicht unterdrücken, dass das "feiern" und vor allem das kollektive Besäufnis (Sprudel, Bier, Wein, Chuflay, Chicha, Chicha, Chicha) weniger Ausdruck von Freude als viel mehr ein Versuch war, die Tragödie dieser viel zu frühen Hochzeit zu vergessen.

Todos Santos
Am 1. und 2. November wurde hier Allerheiligen gefeiert. Wobei eigentlich weniger der armen Heiligen gedacht wurde, die keinen Platz im Jahreskalender der Heiligen gefunden hatten (ursprüngliche Bedeutung), sondern der verstorbenen Familienangehörigen. Man glaubt, dass diese am 1. um halb eins mittags ankommen und 24 Stunden unter uns weilen. Deshalb wird ein Tisch mit Getränken und Essen vollgeladen, das für sie reserviert ist. Erst am 2. November abends, nach 3 Vater Unser und 3 Ave Marias zu Ehren der Seelen der Toten, ist es uns Lebenden gestattet, diese Nahrungsmittel anzurühren. Am 1. stand ein Besuch auf dem Friedhof bevor - einer der schönsten Plätze Sucres und normalerweise total friedlich. An jenem Tag jedoch hoffnungslos überfüllt - wir waren nicht die einzigen, die Blumenschmuck erneuerten und Gebete für die Verstorbenen sprachen.
Am 2. November finden die sogenannten "Canchacos" statt. Wenn in einer Familie im Vorjahr jemand gestorben ist, steht an diesem Tag das Haus allen (auch wildfremden) offen um der/dem Toten zu gedenken. Wer auch immer zu Besuch kommt, wird verpflegt und mit einer Tüte mit Gebäck bedacht. beim Eintreffen legt man eine Schweigeminute vor dem Tisch mit Foto, Gebäck, Getränk, Girlanden und Blumen ein und auch später kann immer mal wieder jemand darum bitten, am Gebet teilzunehmen. Vor dem Canchaco zu Ehren der Cousine meines Gastvaters war Kirchgang angesagt. Allerdings trudelten wir (beabsichtigt?!) so spät ein, dass die predigt schon vorüber war und nur noch gebetet und Abendmahl abgehalten wurde.

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10 Gebote des Micros
Man erinnert sich: die ehemaligen japanischen Schul- und Clubbusse, die das einzige öffentliche Verkehrsmittel darstellen und die Luft Sucres verpesten; und in denen Begriffe wie "Halt auf Verlangen" und "Trittbrettfahren" eine völlig neue Dimension erhalten. Bloss weil aber jeder, vom Arzt bis zum Schuhputzer Micro fährt, heisst das noch lange nicht, dass es keine Regeln gibt. Dieselbigen werden auf diversen bunten Stickern kundgetan:
  • Si usted salio tarde, no es culpa del chofer.
    (Wenn Sie zu spät losgegangen sind, ist es nicht die Schuld des Fahrers) -> Mein Favorit
  • No pide velocidad, pide seguridad.
    (Verlange nicht Geschwindigkeit, verlange Sicherheit.)
  • Mejor perder un minuto en la vida, que la vida en un minuto.
    (Besser eine Minute im Leben verlieren, als das Leben in einer Minute)
  • No maltrate los asientos, cuidelos.
    (Misshandle nicht die Sitze, gib acht auf sie.)
  • No fumar.
    (Nicht rauchen)
  • No escupir.
    (Nicht spucken)
  • Los primeros dos asientos son reservados para personas mayores.
    (Die ersten zwei Sitze sind für ältere Personen reserviert.)
  • Mayores de 5 años pagan su pasaje.
    (Kinder ab 5 Jahren zahlen ihren Fahrpreis.)
  • No distraiga al chofer.
    (Lenken Sie den Fahrer nicht ab.)
  • Ojó, no pague con billetes falsos.
    (Achtung, zahlen sie nicht mit Falschgeld.)


Fortsetzung folgt!

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Vida cotidiana (Teil III)

Paro Civico oder Nix geht mehr

Schon zum zweiten Mal nach dem 9. Oktober kommen wir heute in den zweifelhaften Genuss eines Paro Civicos - Zivilstreik. Ging es das letzte Mal darum, die Regierung dezent darauf hinzuweisen doch bitte mit dem Bau der Überlandstrasse Potosí-Sucre-Tarija weiterzumachen, haben die Chuquisaqueños für heute ihr Lieblingsthema ausgegraben: Capitalidad plena.
Konkret bedeutet das, dass heute sämtliche Schulen, Büros, Museen, Läden und natürlich die Universität geschlossen sind; zusätzlich verkehren keine Busse und theoretisch auch keine Taxis (einige besonders schlaue Taxifahrer arbeiten natürlich trotzdem und nutzen das Gesetz von Angebot und Nachfrage so richtig schön aus). Die einzigen, die zumindest beim letzten Streik nicht mit gemacht haben, waren die Märkte. (Wann haben die Leute auch besser Zeit zum einkaufen als an einem freien Tag?) Für den Nachmittag ist eine Demonstration im Zentrum angesagt.
Das Zweifelhafte an der ganzen Sache ist einerseits die Frage nach dem Nutzen: lässt sich die Regierung tatsächlich davon beeindrucken, wenn sich ein ganzes Departement einen freien Tag gönnt, wenn ja wochenlange Hungerstreiks und schwere Demonstrationen nichts gebracht haben? [Zur Erinnerung: Sucre möchte, dass in der verfassungsgebnden Versammlung (Asamblea Constituyente) darüber diskutiert wird, den Regierungssitz wieder nach Sucre zu verlegen]
Auf der anderen Seite ist die Frage nach dem Schaden: es kann wirtschaftlich unmöglich sinnvoll sein, immer mal wieder ganze Tage nicht zu arbeiten. Die Abschlussprüfungen der Universität werden wahrscheinlich um bis zu einem Monat verschoben werden müssen, da einfach zu viele Vorlesungen ausgefallen sind.
Das scheint sie also zu sein, die berüchtigte Arbeitsmoral :) Weiteres Beispiel gefällig? Mittwoch, 17. Oktober: Fussballspiel Kolumbien-Bolivien, Teil Vorausscheidung für die WM 2010. Kurzerhand erhalten sämtliche Administrationsangestellte, Beamte&Co., einen freien Nachmittag um sich in Ruhe den Match anschauen zu können!

Potosí
Anscheinend die höchste Stadt der Welt auf 4300m.ü.M. gelegen. Mit meinem Projekt hatte ich vorvergangenes Wochenende die Gelegenheit einen (Arbeits-)Ausflug dorthin zu unternehmen. Samstagmorgens um 7 Uhr früh stand ich bereit und warm angezogen vor der Tür. Und stand, und stand, und stand. Ich kam mir vor wie das Grossmütterchen in dem unsäglichen Spot gegen das Verlassen der alten - fertig angezogen und alles, und dann fährt die Familie ohne sie aufs Land. Um halb zehn hatte ich mich endgültig von der Vorstellung nach Potosí zu reisen verabschiedet.
Nachmittags klingelte das Telefon und der Verantwortliche teilte mir ganz unschuldig mit, dass wir heute nicht nach Potosí gefahren waren. Ach, ne? Von Entschuldigung keine Spur, stattdessen eine oberfaule Ausrede (Lüge!) und der Versuch, die Schuld auf meine Mitaustauscherin zu schieben.
Und so stand ich am Sonntag wieder um 6 auf und fuhr pünktlich um sieben tatsächlich doch noch nach Potosí. Oder besser gesagt: wir hötterlten zu siebt (4 hinten, 3 vorne) in einem 25-jährigen Kombi (zum dem später ein Ingenieur meinte: "In dem Gefährt seid ihr aus Sucre gekommen? Dios mio!") nach Potosí. Wobei der dritte Mann vorne 50m vor jedem Kontrollposten aussteigen und diesen zu Fuss passieren durfte...). Von der Stadt selber sahen wir nicht viel, da unser Besuch den Becken galt, in denen das Wasser (wenn man diese schwarze, schäumende, stinkende Brühe noch so nennen kann), das von den Minen kommt gesammelt wird - auf dass sich die Schwermetalle sedimentieren. Anschliessend wird es gefiltert, und tatsächlich, unten kommt klares Wasser raus. Wie wir Bergbewohner aber schon längst wissen: klares Wasser ist nicht gleich sauberes Wasser. Noch vor zwei Jahren allerdings wurde das Wasser direkt in den Fluss geleitet, so dass heute doch ein gewisser Fortschritt zu erkennen ist. Aber es bleibt noch viel zu tun ;)

Filmtipp


Unbedingt anschauen: The Devil's Miner. Dokumentalfilm über einen 14-jährigen jungen, der seit 4 Jahren schon in den Minen des Cerro Rico in Potosí arbeitet. Er lebt zusammen mit Mutter, Bruder und Schwester in einer kleinen, unbeheizten Steinhütte an den Hängen des Berges. Insgesamt arbeiten noch immer rund 800 Kinder in den Minen - ohne jegliche Sicherheits- oder Schutzmassnahmen (Masken, Brillen, etc.), zum Lohn von maximal 4 Dollar/Tag. Die Mineros werden kaum je älter als 40 Jahre, da sie vorher an Silicosis (Staublunge) sterben. Erschütternd und traurig genug an sich, aber was das ganze für mich noch viel bedrückender macht, ist die Tatsache, dass es so verdammt nah ist - das sind nicht irgendwelche hungernden Afrikaner oder kranke Asiaten, sondern Menschen die kaum 2 Stunden entfernt von hier heute so leben.

Kulinarik 1 - La papa
Anscheinend kennt man in Bolivien über tausend verschiedene Kartoffelsorten. Nur logisch also, dass die Kartoffel einen wichtigen Bestandteil in der bolivianischen Küche bildet. Zu jedem Gericht werden Kartoffeln in der einen oder anderen Form serviert - Salzkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes Frites. Ganz unabhängig davon, ob das Gericht schon Reis oder Nudeln beinhaltet. Ohne "papas" geht nichts. Das geht sogar soweit, dass zu Süsskartoffeln Kartoffeln gereicht werden.
Den bisherigen Höhepunkt der bolivianischen Papamanie war allerdings der Besuch im China-Restaurant. Da waren doch auf meinem Teller neben Reis und Poulet süss-sauer tatsächlich Kartoffeln!

Wändemalen
Jap, letztes Wochenende war es endlcih soweit: wir, respektive einige A.S.E.-Freiwillige, die Pfadis und die Kinder von Ñanta und Urkupiña (Bibliotheken für sinnvolle Freizeitgestaltung von Kindern aus ärmeren Barrios), haben Wände bemalt. Dass die Sonne heiss vom Himmel knallte, dass uns die gelben Pigmente ausgingen, dass statt 25 45 Kinder gekommen waren und wir zu wenige Sandwiches&Getränke hatten, dass auch Pinsel fehlten - darüber wollen wir nicht sprechen. Das Resultat scheint jedenfalls zu stimmen (auch wenn ich es noch nicht gesehen habe).




Fortsetzung folgt!