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Donnerstag, 31. Juli 2008

San Pedro de Atacama - Salta - Potosí

Schon eine Woche bin ich wieder in Sucre und anscheinend so sehr von meinem Alltagsleben absorbiert, dass ich fast vergessen habe, dass ich euch noch einen Blog schulde.
Was lange währt wird endlich gut, so haben es mittlerweile auch die Fotos - alle Fotos - ins Internet geschafft.

San Pedro de Atacama (Chile)
Klingelt bei Atacama irgendwo im Hinterkopf ein Glöcklein? Genau, die trockenste Wüste der Welt. Und irgendwo an ihrem Rand eine (Touristen-)Oase.
Das Dorf soll angeblich mal zu Bolivien gehört haben. Erinnerte auch irgendwie daran: ungeteerte Strassen, Lehmhäuser, eine allgemeine leichte Heruntergekommenheit. San Pedro ist ein Anziehungspunkt geworden wegen seiner Nähe zu diversen Naturschönheiten. Ich nutzte meine drei Tage dort also für drei Ausflüge in die Umgebung.
Der erste führte mich ins Valle de la Luna (ja, eines der vielen...), wo bizarr geformte Felsen, Krater und das komplette Fehlen von Vegetation anscheinend an die Mondoberfläche erinnern sollten. Kann schon sein, war ja noch nie auf dem Mond. Von einer grossen Sanddüne aus beobachtete man den Sonnenuntergang, der die in der Ferne sichtbaren Berge der Anden rot leuchten liess. Da die Luft dort so trocken ist, kann man weiter als normal sehen, und die 300km entfernten Berge scheinen plötzlich viel näher.
Die zweite Exkursion begann früh, sehr früh morgens. Um 4:00 ging es per Bus Richtung "Tatio Geysire". Die zweistündige Fahrt brachte mich zu den höchstgelegenen Geysiren der Welt: auf 4'321m.ü.M. liegen die heisses Wasser und Dampf spuckenden Schauspiele. Wieso man so früh morgens hinfährt? Die tiefen Temperaturen vor Sonnenaufgang lassen den Dampf schöner zur Geltung kommen. Und tief waren sie wirklich: als wir aus dem Bus ausstiegen, soll es -15 Grad Celsius gewesen sein - Tendenz bis zum Sonnenaufgang sinkend. Gut gab es bald Frühstück: dampferhitzte Milch und dampfgekochte Eier :)
Dadurch und dank den wärmenden ersten Sonnenstrahlen, kehrten Wärme und Gefühl bald in Füsse und Hände zurück. An der Rückfahrt gab es diverse Zwischenstopps, um die andine Fauna zu würdigen; was mich als alten Altiplanohasen natürlich nicht sonderlich beeindruckte (habe wohl schon mehr Vicuñas als Gämsen und Steinböcke zusammen gesehen).
Die dritte und letzte Tour ging zur "Laguna Cejar". Die Landschaft erinnerte erst an Steppe, dann wirklich an Wüste. Und mittendrin diese himmelblaue Lagune, die dreimal so salzig wie das Meer ist. Dadurch, und durch die starke Sonneneinstrahlung tritt ein Lupeneffekt auf: die eintretenden Sonnenstrahlen werden von den Salzkristallen gebrochen/reflektiert/absorbiert (weiss-ich-doch-nicht) und so am Austreten gehindert. Effekt: das Wasser wird auf 40, 50, 60 Grad aufgeheizt, nur die obersten 10cm bleiben kalt. Nichts wie rein! Die Füsse wurden gekocht, das Schultern und das Schlüsselbein drohten einzufrieren. Und plötzlich konnte ich endlich das "tote Männli" machen :D
Nach den Ojos del Salar, zwei fast kreisrunde Lagunen, ging es weiter zu einer letzten Lagune, um mal wieder einen Sonnenuntergang zu beobachten, der es aber wirklich wert war. Die Berge spiegelten sich in der Lagune, der Mond ging auf, der Himmel war tiefblau, die Schatten wurden länger, die Sonne verschwand, die Berge färbten sich rot, der Himmel wurde blasser, die ersten Sterne erschienen - schon fast kitschig :)

San Pedro de Atacama


Salta (Argentinien)
Die Fahrt von San Pedro nach Salta dauerte fast zehn Stunden und war tagsüber. Das war aber gar nicht mal so ärgerlich, da man von einer tollen Sicht auf altbekannte Altiplanolandschaft entschädigt wurde: gelbes "Paja" Gras, tieftiefblauer Himmel, grasende Vicuñas, etc. Der Grenzübergang liegt auf dem Paso Sico auf 4'200m.ü.M.. Schon bald darauf schraubte sich die Strasse spektakulär steil und kurvig ins Tal, bevor man zuerst nach Jujuy (juhui ;)) und schliesslich nach Salta gelangt.
"Salta, la linda" wird die Stadt genannt, zu Recht: sie ist wirklich hübsch :) Mit einer zuckersüssen rosafarbenen Kathedrale, einer gepflegten und von Cafés umgebenen Plaza und vor allem dank der umliegenden Landschaft, ist Salta ein beliebtes Reiseziel, auch für Argentinier. Auf meinen beiden Ausflügen ins Umland, fand ich mich denn auch mit Argentiniern jeden Alters und aus allen Ecken des Landes im Minibus wieder (Stichwort: Winterferien).
Die Tour nach Cachi beinhaltete karger werdende Landschaft, ein Aufstieg (per Auto natürlich) auf 3300m.ü.M., was die Argentinier ganz spannend fanden, mich aber nicht gross kratzte, den Nationalpark der "Cardones", hohe Kakteen, und schliesslich das kleine koloniale Dörfchen Cachi. Abgesehen von den Kakteen also nichts, was ich nicht schon im nahe gelegenen Bolivien gesehen hätte.
Die Fahrt nach Humahuaca führte durch Yungas und Zuckerrohrpflanzungen Richtung Norden. Höhepunkte waren die Felsen links und rechts. Der "Cerro de los 7 Colores" etwa leuchtete in verschiedenen Gelb- Grün- und Rottönen, während die "Pollera de la Colla" kräftig gelb und rot gefärbt tatsächlich an einen Rock der indigenen Frauen erinnerte. Auf einem kurzen Zwischenhalt gab es Zeit das Monument auf dem südlichen Wendekreis (Trópico de Capricornio) zu bestaunen. Der letzte Stopp war in Jujuy, eine nicht sonderlich interessante Stadt, deren einzige Sehenswürdigkeit wohl die erste argentinische Flagge ist.
Am letzten Tag in Salta besuchte ich das Hochgebirgsarchäologiemuseum, wirklich spannend. Dort wurde eine 500-jährige, perfekt erhaltene (mit Organen! und Läusen ;)) Kinderleiche/-mumie ausgestellt. Die hübschesten Inkakinder wurden auserwählt, nach Cusco geführt, symbolisch verheiratet und auf hohen Berggipfeln geopfert. Das Prozedere sollte anscheinend den Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Teilen des Inkareichs (Tawantinsuyo) verstärken. Komisch nur, dass die Argentinier plötzlich so stolz auf das bisschen Inkageschichte sind, nachdem sie es in den letzten Jahrhunderten doch fast geschafft haben, jegliche Nachkommen der Ureinwohner Südamerikas auszurotten oder zu vertreiben.

Salta


Potosí
Gar nicht so einfach von Argentinien nach Bolivien zu gelangen. Nach der Busfahrt nach Aguas Blancas ging es durch den Zoll und per altem klapper Motorboot auf die bolivianische Seite, ins Städtchen Bermejo. (Jedes vernünftige Land hätte schon längst eine Brücke gebaut). Nach der Grenze suchte ich vergeblich das Immigrationsbüro der Bolivianer - das befand sich ein ganzes Stück weiterentfernt, an der Ausfahrt Richtung Tarija. (Jedes vernünftige Land würde sowas direkt nach der grenze bauen). Nach Tarija wollte ich denn auch und kam nach einer holprigen 3-stündigen Fahrt, vorbei an Zuckerrohrplantagen und noch mehr Zuckerrohrplantagen, in Tarija an. Dort machte ich bis zur Abfahrt des Buses nach Potosí, 24 Stunden später, nichts ausser schlafen, essen und mich zu freuen wieder in Bolivien zu sein. Und natürlich das angenehme Klima zu geniessen :)
Die Fahrt nach Potosí war wie erwartet schrecklich. Seit November ist kein Meter mehr geteert, der Bus war noch schrottiger als das letzte mal, die Nacht noch kälter, der Sitz noch unbequemer, etc.
Die zwei Tage in der höchstgelegensten Stadt Südamerikas (manche sagen "der Welt") auf 4'200m.ü.M. verbrachte ich damit mir koloniale Bauwerke anzusehen, durch die engen kolonialen Gässlein zu wandern, das Kloster von Santa Theresa und die Casa de la Moneda zu besuchen, den Cerro Rico (dessen Silbervorkommen Potosí zur einst grössten und reichsten Stadt des Kontinents werden liessen) zu bestaunen und die Potosinos bewunderte. Tag für Tag leben sie in diesen eisigen Temperaturen, und in ihren Häusern ist es, dank Mangel sowohl an Heizung als auch an Isolation, meist noch kälter als draussen. Davon lassen sie sich aber nicht die Laune verderben: auch um neun Uhr abends sind die Strassen voller Menschen, die sich auch mal Glace essend auf einem Bänkli niederlassen und plaudern...
Am zweiten Tag fuhr ich mit Bekannten aus Santa Cruz zur Laguna Tarapaya und den Thermalbädern von Miraflores. Das Wasser war so heiss, dass man fast vergessen könnte, jemals kalt gehabt zu haben. Kein Wunder sind die Bäder ein beliebtes Ausflugsziel der Potosinos. Anschliessend besuchten wir eine wunderschön erhaltene Hacienda, aus der Zeit der ersten Spanier. Gut verständlich, dass sie das mildere Klima der Täler bevorzugten.
Danach hielt mich aber alle koloniale Schönheit nicht mehr in Potosí - Sucre liegt einfach zu nah.

Potosí


Und hier bin ich nun, wieder, noch. Nicht mehr lange... Noch genau 3 Wochen bleiben mir in der Ciudad Blanca.

Bis bald ;)

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Vida cotidiana (Teil III)

Paro Civico oder Nix geht mehr

Schon zum zweiten Mal nach dem 9. Oktober kommen wir heute in den zweifelhaften Genuss eines Paro Civicos - Zivilstreik. Ging es das letzte Mal darum, die Regierung dezent darauf hinzuweisen doch bitte mit dem Bau der Überlandstrasse Potosí-Sucre-Tarija weiterzumachen, haben die Chuquisaqueños für heute ihr Lieblingsthema ausgegraben: Capitalidad plena.
Konkret bedeutet das, dass heute sämtliche Schulen, Büros, Museen, Läden und natürlich die Universität geschlossen sind; zusätzlich verkehren keine Busse und theoretisch auch keine Taxis (einige besonders schlaue Taxifahrer arbeiten natürlich trotzdem und nutzen das Gesetz von Angebot und Nachfrage so richtig schön aus). Die einzigen, die zumindest beim letzten Streik nicht mit gemacht haben, waren die Märkte. (Wann haben die Leute auch besser Zeit zum einkaufen als an einem freien Tag?) Für den Nachmittag ist eine Demonstration im Zentrum angesagt.
Das Zweifelhafte an der ganzen Sache ist einerseits die Frage nach dem Nutzen: lässt sich die Regierung tatsächlich davon beeindrucken, wenn sich ein ganzes Departement einen freien Tag gönnt, wenn ja wochenlange Hungerstreiks und schwere Demonstrationen nichts gebracht haben? [Zur Erinnerung: Sucre möchte, dass in der verfassungsgebnden Versammlung (Asamblea Constituyente) darüber diskutiert wird, den Regierungssitz wieder nach Sucre zu verlegen]
Auf der anderen Seite ist die Frage nach dem Schaden: es kann wirtschaftlich unmöglich sinnvoll sein, immer mal wieder ganze Tage nicht zu arbeiten. Die Abschlussprüfungen der Universität werden wahrscheinlich um bis zu einem Monat verschoben werden müssen, da einfach zu viele Vorlesungen ausgefallen sind.
Das scheint sie also zu sein, die berüchtigte Arbeitsmoral :) Weiteres Beispiel gefällig? Mittwoch, 17. Oktober: Fussballspiel Kolumbien-Bolivien, Teil Vorausscheidung für die WM 2010. Kurzerhand erhalten sämtliche Administrationsangestellte, Beamte&Co., einen freien Nachmittag um sich in Ruhe den Match anschauen zu können!

Potosí
Anscheinend die höchste Stadt der Welt auf 4300m.ü.M. gelegen. Mit meinem Projekt hatte ich vorvergangenes Wochenende die Gelegenheit einen (Arbeits-)Ausflug dorthin zu unternehmen. Samstagmorgens um 7 Uhr früh stand ich bereit und warm angezogen vor der Tür. Und stand, und stand, und stand. Ich kam mir vor wie das Grossmütterchen in dem unsäglichen Spot gegen das Verlassen der alten - fertig angezogen und alles, und dann fährt die Familie ohne sie aufs Land. Um halb zehn hatte ich mich endgültig von der Vorstellung nach Potosí zu reisen verabschiedet.
Nachmittags klingelte das Telefon und der Verantwortliche teilte mir ganz unschuldig mit, dass wir heute nicht nach Potosí gefahren waren. Ach, ne? Von Entschuldigung keine Spur, stattdessen eine oberfaule Ausrede (Lüge!) und der Versuch, die Schuld auf meine Mitaustauscherin zu schieben.
Und so stand ich am Sonntag wieder um 6 auf und fuhr pünktlich um sieben tatsächlich doch noch nach Potosí. Oder besser gesagt: wir hötterlten zu siebt (4 hinten, 3 vorne) in einem 25-jährigen Kombi (zum dem später ein Ingenieur meinte: "In dem Gefährt seid ihr aus Sucre gekommen? Dios mio!") nach Potosí. Wobei der dritte Mann vorne 50m vor jedem Kontrollposten aussteigen und diesen zu Fuss passieren durfte...). Von der Stadt selber sahen wir nicht viel, da unser Besuch den Becken galt, in denen das Wasser (wenn man diese schwarze, schäumende, stinkende Brühe noch so nennen kann), das von den Minen kommt gesammelt wird - auf dass sich die Schwermetalle sedimentieren. Anschliessend wird es gefiltert, und tatsächlich, unten kommt klares Wasser raus. Wie wir Bergbewohner aber schon längst wissen: klares Wasser ist nicht gleich sauberes Wasser. Noch vor zwei Jahren allerdings wurde das Wasser direkt in den Fluss geleitet, so dass heute doch ein gewisser Fortschritt zu erkennen ist. Aber es bleibt noch viel zu tun ;)

Filmtipp


Unbedingt anschauen: The Devil's Miner. Dokumentalfilm über einen 14-jährigen jungen, der seit 4 Jahren schon in den Minen des Cerro Rico in Potosí arbeitet. Er lebt zusammen mit Mutter, Bruder und Schwester in einer kleinen, unbeheizten Steinhütte an den Hängen des Berges. Insgesamt arbeiten noch immer rund 800 Kinder in den Minen - ohne jegliche Sicherheits- oder Schutzmassnahmen (Masken, Brillen, etc.), zum Lohn von maximal 4 Dollar/Tag. Die Mineros werden kaum je älter als 40 Jahre, da sie vorher an Silicosis (Staublunge) sterben. Erschütternd und traurig genug an sich, aber was das ganze für mich noch viel bedrückender macht, ist die Tatsache, dass es so verdammt nah ist - das sind nicht irgendwelche hungernden Afrikaner oder kranke Asiaten, sondern Menschen die kaum 2 Stunden entfernt von hier heute so leben.

Kulinarik 1 - La papa
Anscheinend kennt man in Bolivien über tausend verschiedene Kartoffelsorten. Nur logisch also, dass die Kartoffel einen wichtigen Bestandteil in der bolivianischen Küche bildet. Zu jedem Gericht werden Kartoffeln in der einen oder anderen Form serviert - Salzkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes Frites. Ganz unabhängig davon, ob das Gericht schon Reis oder Nudeln beinhaltet. Ohne "papas" geht nichts. Das geht sogar soweit, dass zu Süsskartoffeln Kartoffeln gereicht werden.
Den bisherigen Höhepunkt der bolivianischen Papamanie war allerdings der Besuch im China-Restaurant. Da waren doch auf meinem Teller neben Reis und Poulet süss-sauer tatsächlich Kartoffeln!

Wändemalen
Jap, letztes Wochenende war es endlcih soweit: wir, respektive einige A.S.E.-Freiwillige, die Pfadis und die Kinder von Ñanta und Urkupiña (Bibliotheken für sinnvolle Freizeitgestaltung von Kindern aus ärmeren Barrios), haben Wände bemalt. Dass die Sonne heiss vom Himmel knallte, dass uns die gelben Pigmente ausgingen, dass statt 25 45 Kinder gekommen waren und wir zu wenige Sandwiches&Getränke hatten, dass auch Pinsel fehlten - darüber wollen wir nicht sprechen. Das Resultat scheint jedenfalls zu stimmen (auch wenn ich es noch nicht gesehen habe).




Fortsetzung folgt!