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Sonntag, 2. Dezember 2007

Ciudad blanca negra

Es gibt Dinge, die muss man einfach chronologisch erzählen, um wenigstens einen Hauch von Ordnung in sich überstürzende Ereignisse zu bringen zu versuchen. Hier also mein Bericht Über die schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten letzte Woche - und deren Folgen und Nachwehen.

Freitag, 23. November: Ein strahlend schöner Morgen und alles friedlich in meinem neuen Projekt in Villa Armonia. Doch der Frieden täuschte, und in gleichem Masse wie Wolken den Himmel bedeckten um sich schliesslich tiefschwarz zu einem Gewitter zusammen zu brauen, eskalierte im Zentrum Sucres die Situation.

Bereits am Vortag waren Gerüchte über die Ankunft von hordenweise Bauern aus La Paz, die Schliessung des Marktes und die Kappung der Wasserversorgung zirkuliert. Alles blieb aber zunächst friedlich, und nun also der Sturm nach der Ruhe. Knapp schaffte ich es nach Hause zu kommen: wegen einer sich formierenden Demonstration konnte mein Bus nicht seine übliche Route fahren, ich hatte folglich keine Gelegenheit in meinen Anschluss-Micro umzusteigen und fuhr Richtung Zentrum. Es gelang mir dann die Linie zu erwischen die mich nach Hause bringen sollte, zuerst aber hoch Richtung Friedhof fuhr. An den Strassenenden links und rechts brennende Reifen und schliesslich eine Ladung Tränengas (eklig das Zeug). Der Fahrer sah ein, dass es so nicht mehr ging und kehrte um. Gerade noch schafften wir es raus aus dem Zeug, denn schon waren sie dabei die Strasse mit Bauschutt zu blockieren, den wir erst zur Seite räumen mussten.

Was war passiert? Gegen Mittag war die Nachricht, dass die verfassungsgebende Versammlung ("Asamblea") die Verfassung im grossen angenommen hätte, zu den Studenten durchgesickert. Da ergriff die Sucrenser Politikjugend Torschlusspanik: schliesslich war noch immer nicht über die Hauptstadtfrage diskutiert worden und überhaupt war diese Versammlung der Asamblea (wie auch sonst so einiges im Prozess der neuen Verfassung) nicht ganz sauber. Stattgefunden hatte sie nämlich in einem Militärqartier ausserhalb der Stadt, geschützt von einem massiven Polizei- und Militäraufgebot, sowie von drei Ringen Bauern aus La Paz, die der gute Evo Morales - oder einer seiner Komparsen - mit Bussen herangeführt (und wohl auch bezahlt) hatte. Zudem wurde die Opposition gar nicht erst reingelassen, auch wenn die regierende MAS-Partei (Movimiento al Socialismo) alleine sowieso schon fast die Hälfte der Asambleistas stellt.
Zeitgleich allerdings beschloss die Volksversammlung Sucres den zivilen Ungehorsam, das heisst die nicht-Akezeptanz der neuen Verfassung, auch wenn deren genauer Text bis heute nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist - die Annahme der Verfassung für Sucre also bedeutungslos war. Aber da waren die Studenten schon auf der Strasse und es begann das alte Spiel von Tränengas und Gummischrot auf der einen, Steinen und brennenden Reifen auf der anderen Seite. Diesmal allerdings in ungeahnter Heftigkeit.
Am Donnerstagabend hatten die Ponchos Rojos nahe La Paz auf brutalste Art als Warnung an die Präfekten und zur Verteidigung der Asamblea zwei Hunde erhängt und geköpft, die Bilder jener Gräueltat beruhigten die angeheizte Stimmung keineswegs.


Samstag, 24. November: Die Misshandlungen der Polizisten gegenüber den Studenten riefen auch die nach draussen, die den ersten Rufen nicht gefolgt waren: weitere Studenten, aber auch deren Mütter, Väter und Grosseltern. Ein Teil des Mobs verlagerte sich vom Stadtzentrum ins Viertel "El Tejar", nahe des erwähnten Militärquartiers gelegen (aus welchem Übrigens in der Morgendämmerung die Asambleistas evakuiert wurden - durch ein Flussbett hindurch und unter massivstem Polizeischutz).

Bis zum Abend waren zwei Todesopfer auf der Studentenseite zu beklagen, ein junger Anwalt und ein Wirtschaftsstudent, getötet durch sogenannt scharfe Munition - obwohl die Polizisten anscheinend nur Gummischrot verwendeten... Dazu kamen die weit über 100 zum Teil schwer Verletzten und all diejenigen mit Vergiftungserscheinungen durch das grosszügig und rücksichtslos eingesetzte Tränengas. Ausserdem kursierte die Nachricht über den Tod eines Polizisten, von dem aber komischerweise keine Leiche zu finden war - heute vermuten die Leute, dass es ein Venezolaner war, der ausser Landes gebracht wurde, lebendig allerdings.
Mit dem absoluten Frieden in unserer Gegend war es dann auch vorbei, da das Studio vom Unifernsehen, welches natürlich alles (und nicht gerade neutral!) zeigte und kommentierte. Um die Polizisten an der Schliessung zu hindern, zogen die Leute los - auch hier: Tränengas und brennende Reifen.

Sonntag, 25. November: Am Vormittag wurden aus strategischen Gründen welcher Art auch immer sämtliche Polizeikräfte aus Sucre abgezogen.

Im Gefängnis San Roque kam es zu einem Massenausbruch von 160 Häftlingen und der weitgehenden Zerstörung des Gebäudes. Dachte man zuerst, die Studenten hätten den Kriminellen zur Flucht verholfen, ist heute die Rede davon, die abziehenden Polizisten hätten dieselbigen freigelassen um der Bevölkerung zu schaden. (Arbeitsbeschaffung einmal anders)
Die ausser Rand und Band geratenen Studenten sahen sich ihres Gegners beraubt und begannen damit, Gebäude (Polizeiquartiere) und Autos anzuzünden. In den Quartieren wurden Bürgerwehren organisiert, Jugendliche mit Mofas und Handies rekrutiert, Notrufnummern eingerichtet und auch die privaten Sicherheitsdienste wurden in den Plan miteinbezogen.

Anarchie?
Montag, 26. November: Keineswegs, alles soweit friedlich. Wir Sucrenser brauchen doch keine Polizeigewalt um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, ganz im Gegenteil... Am Morgen war ein weitere Student seinen Verletzungen erlegen.
Am Nachmittag dann die Beerdigung der beiden ersten getöteten jungen Männer. Von der Plaza aus bewegte sich der Umzug hoch zum Friedhof. Ein Blick zurück: ein Menschenmeer, zehn Blocks lang, darin Blumenkränze, die bolivianische Trikolore und die Flagge Chuquisacas mit schwarzem Trauerflor; lauthals skandierend "Evo asesino, fuera de Bolivia" [Evo Morales, Präsident von Bolivien], "Silvia criminal" [Silvia Lazarte, Präsidentin der verfassungsgebenden Versammlung] und "Linera terrorista" [Linera, Vize-Präsident Boliviens]. Ausserdem "Fusil, metralla, Sucre no se calla!" [Gewehr, MG, Sucre schweigt nicht!]


Die Polizisten kehrten nicht zurück, dafür trudelte ein Teil der entlaufenen Häftlinge wieder ein und die Leute brachten teilweise das zurück, was sie aus dem Gefängnis geplündert hatten :) Es gab keinerlei Anzeichen von Plünderungen, Gewaltakten oder anarchieähnlichen Zuständen.

Erst am Donnerstag trauten sich die Polizisten wieder nach Sucre, wo sie momentan in einer Turnhalle residieren, in Ermangelung ihrer, den Brandstiftungen zum Opfer gefallenen, Quartiere. Die vier Tage ohne Polizei vergingen ohne grössere Zwischenfälle, abgesehen von den Schüssen auf Geldautomaten und einigen Autodiebstählen (als ob es die sonst nicht auch gäbe). Endlich sind nun also auch die Banken wieder offen und die olivgrünen Männer stehen wieder winkend auf den grösseren Strassenkreuzungen.

Für eine neutrale Sicht von aussen auf die Geschehnisse bitte hier klicken.

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Für alle die, die schon immer gerne einen Kommentar hinterlassen wollten, es aber aus unerfindlichen Gründen nicht fertigbrachten, hier eine Anleitung in 6 Schritten:
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Mittwoch, 14. November 2007

Entre Ríos, Tarija

Campamento
Richtige "Ferien" gibt es zwar erst Ende Januar, aber dank einem (freiwilligen) ICYE-Camp kam doch mal etwas Abwechslung in mein bolivianisches Alltagsleben. Auch wenn ich mich eigentlich nicht gross beklagen kann, so ganz richtig hat sich das Gefühl von grauerRoutine nämlich noch nicht eingestellt.
Zusammen mit den anderen Sucre-Austauschern (mit Ausnahme von Esther, meiner Landsfrau) fuhren wir am Mittwochnachmittag gegen drei Uhr Richtung Tarija los. Bis kurz nach Potosí war die Fahrt ja noch einigermassen angenehm (d.h. die ersten 4 Stunden). Danach jedoch verliessen wir die asphaltierte Strasse und holperten im Dunkeln durch zahlreiche Umleitungen - an einer besseren Strasse nach Tarija wird schon seit Jahren gebaut, aber das braucht eben Zeit.
Nach 12 Stunden Fahrt kamen wir früh morgens um 6 in Tarija an. Kleiner, grüner und sauberer als Sucre. Den Tag verbrachte ich mit Verwandten meiner Gastfamilie (meine Gastmutter hat Geschwister in nahezu jeder grösseren Stadt Boliviens, kein Wunder bei 8 Stück). Für die 110 Kilometer nach Entre Ríos, unserem Bestimmungsort, brauchten wir fast 4 Stunden - stellt euch bitte eine schmale, unasphaltierte, kurvige Strasse vor...
Im Camp selber genossen wir für drei Tage Natur pur und den Austausch mit unseren Schicksalsgenossen. Auf dem Programm standen ausserdem Reiten, Schwimmen im Fluss, Spaziergang durch die Gegend, Kanufahren im Teich, Abseilen an einer (kaum 4m hohen) Mauer, Besuch einer lokalen Schule&Fussballfreundschaftsspiel, Sightseeing in Downtown Entre Ríos und am letzten Tag Spaziergang durch Urwald (nicht Dschungel!) ähnliches Gebiet um Wasserfälle zu besichtigen.
Drei schöne Tage, allerdings ziemlich wenig wenn man die Anreisezeit von fast 20 Stunden bedenkt. Ich bezahlte das dann auch mit einer Erkältung die an graue, nasse und kalte November erinnerte - und das bei der Hitze, die zumindest am ersten Tag in Entre Ríos geherrscht hat...

http://www.lib.utexas.edu/maps/americas/bolivia_pol93.jpg

Entre Ríos, Tarija


(zurück bei Picasa :))

Der iiih-dee-atsche - oder das neueste politische Ärgernis
Ja, dieser IDH hätte tatsächlich das Zeug zum Unwort wenigstens des Monats aufzusteigen, so oft sieht, hört und liest man darüber. Konkret bezeichnet IDH die Einkünfte aus den Steuern auf Öl, Gas, Diesel&Co., von denen bisher ein Grossteil an die Präfekturen der verschiedenen Departemente gegangen ist. Der gute Evo Morales, Präsident Boliviens, indigener Abstammung, mit über 55% der Stimmen gewählt und Angehöriger des MAS - Movimiento al Socialismo - hat nun aber seinen neuesten Coup gelandet: die "Renta Dignidad". Diese Rente der Würde sichert allen, ausnahmslos allen, über 60-jährigen Bolivianern 200 Bolivianos/Monat zu. Das finden aber Präfekturen, Universitäten, aber auch ältere Leute gar nicht toll - wieso sollen diese Campesinos (vgl. Subventionen an Bergbauern), die ihr Leben nicht gearbeitet haben, jetzt Geld bekommen?
Konsequenz? Das übliche: Demos und Bloqueos, natürlich nur in den Provinzen, die sowieso Regierungskritisch eingestellt sind.

Projekt
Was anfangs einfach perfekt schien, zeigt je länger je mehr Makel: meine Arbeit bei der A.S.E. ist leider immer weniger das, was ich mir vorgestellt habe. Anstatt die Umwelt Sucres zu retten, verbringe ich meine Zeit hauptsächlich im Büro mit Zeitungslesen oder Dokumenten einscannen. Auch so tolle Aktionen wie die Stofftaschen auf dem Markt verteilen oder den Schulen Mülleimer zu schenken vermögen nicht darüber hinweg zu täuschen, dass die A.S.E. eher informativ als aktiv handelt. Auch über den allzu lockeren Umgang mit Geld (aus dänischer, englischer und schweizer Entwicklungshilfe) kann ich nicht länger einfach hinwegsehen. Momentan bin ich also damit beschäftigt, ein neues Projekt ausfindig zu machen. Ein Projekt, in dem ich gebraucht werde und das Gefühl habe etwas zu bewirken. Denn dazu bin ich ja schliesslich hier, um etwas sinnvolles zu machen.

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Vida cotidiana (Teil III)

Paro Civico oder Nix geht mehr

Schon zum zweiten Mal nach dem 9. Oktober kommen wir heute in den zweifelhaften Genuss eines Paro Civicos - Zivilstreik. Ging es das letzte Mal darum, die Regierung dezent darauf hinzuweisen doch bitte mit dem Bau der Überlandstrasse Potosí-Sucre-Tarija weiterzumachen, haben die Chuquisaqueños für heute ihr Lieblingsthema ausgegraben: Capitalidad plena.
Konkret bedeutet das, dass heute sämtliche Schulen, Büros, Museen, Läden und natürlich die Universität geschlossen sind; zusätzlich verkehren keine Busse und theoretisch auch keine Taxis (einige besonders schlaue Taxifahrer arbeiten natürlich trotzdem und nutzen das Gesetz von Angebot und Nachfrage so richtig schön aus). Die einzigen, die zumindest beim letzten Streik nicht mit gemacht haben, waren die Märkte. (Wann haben die Leute auch besser Zeit zum einkaufen als an einem freien Tag?) Für den Nachmittag ist eine Demonstration im Zentrum angesagt.
Das Zweifelhafte an der ganzen Sache ist einerseits die Frage nach dem Nutzen: lässt sich die Regierung tatsächlich davon beeindrucken, wenn sich ein ganzes Departement einen freien Tag gönnt, wenn ja wochenlange Hungerstreiks und schwere Demonstrationen nichts gebracht haben? [Zur Erinnerung: Sucre möchte, dass in der verfassungsgebnden Versammlung (Asamblea Constituyente) darüber diskutiert wird, den Regierungssitz wieder nach Sucre zu verlegen]
Auf der anderen Seite ist die Frage nach dem Schaden: es kann wirtschaftlich unmöglich sinnvoll sein, immer mal wieder ganze Tage nicht zu arbeiten. Die Abschlussprüfungen der Universität werden wahrscheinlich um bis zu einem Monat verschoben werden müssen, da einfach zu viele Vorlesungen ausgefallen sind.
Das scheint sie also zu sein, die berüchtigte Arbeitsmoral :) Weiteres Beispiel gefällig? Mittwoch, 17. Oktober: Fussballspiel Kolumbien-Bolivien, Teil Vorausscheidung für die WM 2010. Kurzerhand erhalten sämtliche Administrationsangestellte, Beamte&Co., einen freien Nachmittag um sich in Ruhe den Match anschauen zu können!

Potosí
Anscheinend die höchste Stadt der Welt auf 4300m.ü.M. gelegen. Mit meinem Projekt hatte ich vorvergangenes Wochenende die Gelegenheit einen (Arbeits-)Ausflug dorthin zu unternehmen. Samstagmorgens um 7 Uhr früh stand ich bereit und warm angezogen vor der Tür. Und stand, und stand, und stand. Ich kam mir vor wie das Grossmütterchen in dem unsäglichen Spot gegen das Verlassen der alten - fertig angezogen und alles, und dann fährt die Familie ohne sie aufs Land. Um halb zehn hatte ich mich endgültig von der Vorstellung nach Potosí zu reisen verabschiedet.
Nachmittags klingelte das Telefon und der Verantwortliche teilte mir ganz unschuldig mit, dass wir heute nicht nach Potosí gefahren waren. Ach, ne? Von Entschuldigung keine Spur, stattdessen eine oberfaule Ausrede (Lüge!) und der Versuch, die Schuld auf meine Mitaustauscherin zu schieben.
Und so stand ich am Sonntag wieder um 6 auf und fuhr pünktlich um sieben tatsächlich doch noch nach Potosí. Oder besser gesagt: wir hötterlten zu siebt (4 hinten, 3 vorne) in einem 25-jährigen Kombi (zum dem später ein Ingenieur meinte: "In dem Gefährt seid ihr aus Sucre gekommen? Dios mio!") nach Potosí. Wobei der dritte Mann vorne 50m vor jedem Kontrollposten aussteigen und diesen zu Fuss passieren durfte...). Von der Stadt selber sahen wir nicht viel, da unser Besuch den Becken galt, in denen das Wasser (wenn man diese schwarze, schäumende, stinkende Brühe noch so nennen kann), das von den Minen kommt gesammelt wird - auf dass sich die Schwermetalle sedimentieren. Anschliessend wird es gefiltert, und tatsächlich, unten kommt klares Wasser raus. Wie wir Bergbewohner aber schon längst wissen: klares Wasser ist nicht gleich sauberes Wasser. Noch vor zwei Jahren allerdings wurde das Wasser direkt in den Fluss geleitet, so dass heute doch ein gewisser Fortschritt zu erkennen ist. Aber es bleibt noch viel zu tun ;)

Filmtipp


Unbedingt anschauen: The Devil's Miner. Dokumentalfilm über einen 14-jährigen jungen, der seit 4 Jahren schon in den Minen des Cerro Rico in Potosí arbeitet. Er lebt zusammen mit Mutter, Bruder und Schwester in einer kleinen, unbeheizten Steinhütte an den Hängen des Berges. Insgesamt arbeiten noch immer rund 800 Kinder in den Minen - ohne jegliche Sicherheits- oder Schutzmassnahmen (Masken, Brillen, etc.), zum Lohn von maximal 4 Dollar/Tag. Die Mineros werden kaum je älter als 40 Jahre, da sie vorher an Silicosis (Staublunge) sterben. Erschütternd und traurig genug an sich, aber was das ganze für mich noch viel bedrückender macht, ist die Tatsache, dass es so verdammt nah ist - das sind nicht irgendwelche hungernden Afrikaner oder kranke Asiaten, sondern Menschen die kaum 2 Stunden entfernt von hier heute so leben.

Kulinarik 1 - La papa
Anscheinend kennt man in Bolivien über tausend verschiedene Kartoffelsorten. Nur logisch also, dass die Kartoffel einen wichtigen Bestandteil in der bolivianischen Küche bildet. Zu jedem Gericht werden Kartoffeln in der einen oder anderen Form serviert - Salzkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes Frites. Ganz unabhängig davon, ob das Gericht schon Reis oder Nudeln beinhaltet. Ohne "papas" geht nichts. Das geht sogar soweit, dass zu Süsskartoffeln Kartoffeln gereicht werden.
Den bisherigen Höhepunkt der bolivianischen Papamanie war allerdings der Besuch im China-Restaurant. Da waren doch auf meinem Teller neben Reis und Poulet süss-sauer tatsächlich Kartoffeln!

Wändemalen
Jap, letztes Wochenende war es endlcih soweit: wir, respektive einige A.S.E.-Freiwillige, die Pfadis und die Kinder von Ñanta und Urkupiña (Bibliotheken für sinnvolle Freizeitgestaltung von Kindern aus ärmeren Barrios), haben Wände bemalt. Dass die Sonne heiss vom Himmel knallte, dass uns die gelben Pigmente ausgingen, dass statt 25 45 Kinder gekommen waren und wir zu wenige Sandwiches&Getränke hatten, dass auch Pinsel fehlten - darüber wollen wir nicht sprechen. Das Resultat scheint jedenfalls zu stimmen (auch wenn ich es noch nicht gesehen habe).




Fortsetzung folgt!

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Vida cotidiana (Teil II)

Tag des Baumes
Gestern (oder heute, je nach Quelle) war Welttag des Baumes. Wir von der A.S.E. bauten unseren Pavillon auf und verschenkten gut 130 Bäumchen. Natürlich nicht einfach so: man musste sich verpflichten das "grüne Kind" zu hegen und zu pflegen - und die Adresse angeben, damit wir auf Kontrollbesuch kommen können :) Obwohl ich ehrlich gesagt bezweifle, dass es je soweit kommt. Die Befürchtung, dass keine Leute kommen, bewahrheitete sich nicht. Im gegenteil, wir hätten noch viel mehr Setzlinge vergeben können, wenn wir denn mehr gehabt hätten - und unsere Aktion auf den Nachmittag ausgedehnt hätten. Laut Statistik hat Sucre Bäume dringend nötig: Auf 14 Einwohner kommt hier gerade mal ein Baum. Um "saubere" Luft zu haben, wären 28 Bäume pro Einwohner nötig. Scheint ziemlich viel, aber wenn man sich die zahlreichen Taxis und Minibusse (und deren Abgas-Bilanz) anschaut, wird's wohl schon so sein. Um halb eins, nach gerade mal 2 Stunden, war schliesslich nur noch ein einsamer Setzling übrig und von Mitleid gepackt adoptierte ich den armen Waisen.
Und so kam es, dass ich heute über 1 Stunde damit verbrachte ein Loch für den Kleinen zu buddeln. 60x60x60cm gross sollte es laut Anleitung werden - kein Problem, dachte ich in gedanken an Mamis Gemüsegarten, eine Mäusebeerdigung und Balkon-Blumenkistchen... Tatsächlich war die Erde nicht so trocken wie sie aussah. Trockener. Und so gab ich mich mit 20cm Tiefe zufrieden. Auf dass mein Sprössling gedeihe (und nicht dem Hund zum Opfer falle)!



Der Küchenmatch
oder: eine Frage der Ehre
Da die Maxime meines Blogs darin besteht, theoretisch jederzeit auch für zufällig hereinschneiende Surfer einigermassen interessant zu sein, verzichte ich darauf, mich ausgiebig über meine Arbeit in der Küche auszulassen.



Von allgemeinem Interesse dürfte höchstens sein, dass Männer sich hier tatsächlich nicht - und zwar überhaupt nicht - an der Hausarbeit beteiligen. Dass sie nicht kochen, klar. Dass sie nicht abwaschen, ok. Dass sie nicht einmal ihren Teller in die Küche tragen, arg. Dass aber der Bruder seine Kleider von seiner Schwester waschen lässt (von Hand wohlgemerkt), schwer zu glauben. Da stand die arme Soraya letzten Sonntag wohl an die 6 Stunden am Waschtisch um Wäsche von Mutter, Bruder und Vater zu waschen (während die Mutter das Haus putzte, und die männlichen Familienmitglieder fernsahen). Soviel zum Thema patriarchalische Familienstrukturen. Da würde ich als Mann ja auch bis 30 zu Hause wohnen bleiben, bei so einem Service!




Auf's Land!
"Ir de paseo" - einen Spaziergang machen - nennt man hier anscheinend, was wir gemeinhin als "Wanderung" bezeichnen würden. Man nehme: Freundinnen, geländegängigen Jeep, Vater als Fahrer und Guide, Verpflegung, Outfit und einen schönen Tag (was sich hier als Bedingung so gut wie erübrigt, da es schlichtweg keine Schlechtwetter-Tage gibt...dachte ich zumindest. Doch das ist eine andere Geschichte).
So zogen wir also am Sonntag vor einer Woche nach Mamahuasi ("Mutters Haus" (Quetchua)) los. Ich lasse lieber Bilder sprechen, deshalb vorab nur soviel:
  • Es war sehr, sehr schön. Ich bin halt ein Kind vom Lande :)
  • Das Picknick entpuppte sich als vollständige Mahlzeit mit Poulet, Reis, Kartoffeln, Salat (Besteck, Teller und Gläser verstehen sich von selbst). Zusammen mit dem Znüni erklärte sich auch, weshalb jede/r einen mittelgrossen Rucksack mitschleppte.
  • Wanderweg oder ähnliches gab es nicht. Wir fuhren mit dem Jeep bis es nicht mehr weiter ging, dann "spazierten" wir über Stock und Stein. Gelobt seien meine Wanderschuhe!
  • Das Bad im Fluss fiel ins Wasser. Oder eben nicht. Kaum Wasser, dafür reichlich Algen&Leben...





Fortsetzung folgt!

Mittwoch, 19. September 2007

Vida cotidiana (Teil 1)

Ende der Arbeitslosigkeit
Ja, ich habe tatsächlich endlich ein Projekt gefunden. Wobei die Suche ja nicht sonderlich intensiv war. Nachdem ich bereits 10 Tage in Sucre gewesen war, ohne ein einziges Projekt auch nur besichtigt zu haben - da es Oscar, der ICYE-Verantwortliche vor Ort, irgendwie nicht schaffte an die Verantwortlichen heranzukommen um einen Termin zu verabreden - wollte ich einfach mal beginnen zu arbeiten, egal was. Ferien sind zwar schön, aber auf Dauer nicht so das Wahre. Ausserdem bin ich ja hier um etwas sinnvolles zu tun, und herumhängen und einen argentinischen Musiksender schauen (top!) zählt wohl nicht dazu. Vergangenen Mittwoch hiess es dann: wir treffen uns in 20 Minuten auf der Plaza, und besichtigen ein Projekt. Yay! Dass ich mich dann auch prompt für dieses Projekt entschied war weniger eine Verzweiflungstat, als viel mehr ein lange geplanter Entschluss. Schon im Einführungscamp bei La Paz hatte ich die projektbeschreibung gesehen und gesagt "este proyecto me gusta". Fragt mich nicht wieso es solange gedauert hat, bis ich letzten Donnerstag endlich meinen ersten Arbeitstag hatte.

Asociación Sucrense de Ecología (ASE)
Die ASE ist eine politisch un religiös unabhängige Organisation von Freiwilligen, sowie ca. 5 Festangestellten. Ihre Mission ist es, für den Schutz der Umwelt und der natürlichen Ressourcen einzutreten, sowie die Lebensqualität der Einwohner des Departements Chuquisaca zu verbessern. Sie ist Mitglied von LiDeMA (Liga de Defensa del Medio Ambiente).
Wie gesagt, ich hatte es schon längere Zeit auf dieses Projekt abgesehen. Die Informationen die uns die Direktorin der ASE, Señora Apolonia Rodriguez Gonzales gab klangen auch alle ganz interessant. Als sie aber zum Bereich der Aktivitäten der ASE kam, und erzählte, dass geplant ist Wände mit Aufrufen zu ökologischem Verhalten zu bemalen und eine Baumpflanzaktion im Gange ist, wusste ich: das ist es. Und so werde ich hier nun also keine Hütten bauen [ ;) ], sondern Bäumchen pflanzen helfen.
Bisher allerdings haben wir, das heisst Sari, Austauscherin aus Finnland, und ich die meiste Zeit damit verbracht, Plakate für kommenden Samstag zu zeichnen. Im Moment läuft in Sucre nämlich die "Semana del Aire limpio" (Woche der sauberen Luft) - bloss dass das kaum einer zu wissen scheint. Während der Woche kann man gratis messen lassen wieviel Dreck sein Auto in die Luft schleudert (ich möchte ja nicht wissen, wie die Ergebnisse der Micros aussehen, ihres Zeichens klapprige Minibusse, in Japan ausgemustert, über Chile nach Bolivien transportiert, und jetzt hier das öffentliche Verkehrsmittel Nr.1 (das einzige)) und am Samstag ist dann Tag des Fussgängers. Die Plaza 25 de Mayo, Hauptplatz, wird für den Verkehr gesperrt sein und es werden diverse Aktivitäten - Sport, Spiel und Spass - durchgeführt werden. Organisiert wird das ganze von der Stadtregierung, mit Unterstützung durch die Kampagne "Aire Limpio" des DEZA. Da wird einem gleich ein wenig patriotisch zumute... Die ASE wird mit eben jenen Plakaten präsent sein, die Sari und ich unter so viel Anstrengung kreiert haben (Problem: Wir können beide nicht zeichnen :)).


Mercado Campesino
Was macht man in Bolivien am Samstagvormittag? Genau, das selbe wie auch in der Schweiz: einkaufen. Allerdings weder in Coop noch Migros, noch in sonst einem Supermarkt (in ganz Sucre gibt es nur einen, und der ist gelinde gesagt klein). Man fährt mit Taxi oder Micro auf den Mercado Campesino ("Bauernmarkt"). Der ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend: schon allein die schiere Grösse - ich glaube, man könnte ohne weiteres einen ganzen Tag dort verbringen und hätte wohl noch immer nicht alles gesehen - mehrere Strassenzüge sind einfach Markt; dann die Vielfalt (es gibt wirklich alles- und alles durcheinander); die Menge der Waren (vor allem Berge und Türme von Früchten und Gemüse) und der Menschen; weiter die Preise (1kg Schweinefleisch=2.50 CHF) und last but not least: die Fleischabteilung. Selbstverständlich ungekühlt, zusätzlich zumindest teilweise unter freiem Himmel - aber alles ganz frisch!
Man muss es fast mit eigenen Augen gesehen haben...
Angenehm fühlte ich mich an Einküfe meiner Kindheit zurückerinnert, als sich mir eine Banane, Apfelschnitze, ein Stück Papaya und eine halbe Birne entgegenstreckten.

[Hier sollten jetzt eigentlich Fotos vom Mercado Campesino folgen, bloss leider sträubt sich PicasaWeb. Ich werde die neue Version von Firefox installieren und einen weiteren Versuch starten]

Edit (22.09.2007): Und
sind die Fotos endlich. Bei Photobucket geht's erst noch schneller :) Leider nicht ganz so elegant wie picasa, aber es funktioniert!

Chiquitito
Hat sich je einer über die "-li" der Schweizer lustig gemacht? Hat je jemand behauptet, wir benutzen zu viele Diminutive? Der kann einpacken, sobald er in Sucre/Bolivien ist. Wie wärs zum Abendessen mit einem "matecito calientito" (heissliches Teelein) und einem "pancito fresquito" (frischliches Brötlein)? Insbesondere die Verkleinerungsform der Adjektive lässt schmunzeln "hermanito viejito" (ältliches Brüderlein) oder "mamita jovencita" (jüngliches Mütterlein).
Die Krönung liefert jedoch unser Golden Retriever Oliver, ein "perrito chiquitito" (winziges Hündchen).

Samstag, 18. August 2007

Home, sweet home

Neuigkeiten

Würde ich sonst einen Blog schreiben? Jedenfalls habe ich heute endlich Neuigkeiten betreffend meines Aufenthaltes in Bolivien erhalten. Ich möchte ja nichts sagen, aber wurde auch langsam Zeit... An sich hätte es mir zwar nichts ausgemacht bis eine Woche vorher zu warten, wenn man mir nicht gesagt hätte, ich erführe meinen Aufenthaltsort einen Monat vor Abflug. Das Warten zehrte irgendwie doch an meinen Nerven. Und sieh' an, gerade als ich mich mit einer Reise ins Ungewisse abgefunden hatte, erfahre ich doch noch wo's hingeht. Ganz nach dem Motto "Give freely, expect nothing and you will never be disappointed by other people's actions" oder so ähnlich..
"Chum zur Sach!" Ja, ja, ich wollte doch bloss ein wenig Spannung aufbauen.
Facts
Ich werde mein Austauschjahr in Sucre bei Familie Navarro Arias verbringen. Mutter Liby ist Krankenschwester, Vater Luis Chad geologischer Ingenieur. Zusätzlich sind da noch 3 "Kinder", Numa (30) [google meint Numa sei entweder ein lateinischer Name - nur für Jungs, oder muslimischen Ursprungs - nur für Mädchen. We'll see!] sowie Soraya und Soraida, beide 27 - Zwillinge?! Sie, und bald auch ich, leben in einem Einfamilienhaus, zusammen mit einem Hund. (Ich werde Maundzi trotzdem vermissen!) Übrigens habe ich ein eigenes Zimmer *phew*.
Adresse (oder Fragmente davon): Calle Mexico No 363 - Sucre
Finde Sucre ;) 2800 M.ü.M., angenehmes subtropisch-gemässigtes Klima und "gilt mit ihren reichen, gepflegten Plätzen und Parkanlagen als die schönste Stadt Boliviens". Meint Wikipedia. Stimmt hoffentlich, meine ich.


Sucre hat übrigens nichts mit Zucker zu tun, sondern wurde nach dem Revolutionsführer Antonio José de Sucre benannt. Dennoch: "Sie ist für ihre Schokoladen-Spezialitäten bekannt." Ein weiterer Pluspunkt. Ob es wohl Schokolade mit Chili gibt? Hält die Sucre'sche (?) Schokolade dem Direktvergleich mit Schweizer Schoggi stand? Und umgekehrt?


Ich freue mich sehr über meine Platzierung in Sucre, da ich eigentlich von Anfang an dorthin wollte. Ich bin froh, weder im kalten La Paz noch im tropischen Santa Cruz zu sein. Aber war da nicht irgendwann mal was mit einer Priority-List? Genau, zwei Projekte in La Paz, eines in Cochabamba - ohne Rücksicht aufs Klima hatte ich die mir am meisten zu entsprechen scheinenden Projekte ausgesucht gehabt. Erstens kommt alles anders, und zweitens als man denkt. Aber eigentlich ist doch alles gut herausgekommen. Mal schauen welche Projekte Sucre zu bieten hat - zuerst auf dem Papier, und so bald ich dort bin, werde ich die sowieso noch besichtigen. Papier ist geduldig.


Übrigens: Sucre ist Boliviens Hauptstadt - zumindest auf dem Papier. De facto befindet sich der Regierungssitz in La Paz und Sucre beherbergt nunmehr den Obersten Gerichtshof.


Morgen kann ich also endlich mit packen beginnen - Photo vom Rucksack folgt.



P.S.: Anmerkung
Noch eine kurze Anmerkung zu früheren Blogs und kritischen Bemerkungen gegenüber ICYE: Ich bin nach wie vor sehr dankbar dafür eine erfahrene Organisation im Rücken zu haben. Etwaige Sticheleien sollten als konstruktive Kritik und nicht als Hohn und Spott aufgefasst werden. Ich bin überzeugt vom Gedanken, der hinter ICYE steht, und fest entschlossen dereinst als freiwillige Mitarbeiterin mit zu machen. Aber eben: etwas mehr Klarheit in der Kommunikation könnte nicht schaden :) Das Angebot und die Philosophie sind toll und einzigartig.