Donnerstag, 26. Juni 2008

Cochabamba - La Paz - Copacabana

Endlich unterwegs! Gestern ist der bolivianische Teil meiner Reise zu Ende gegangen, und heute sitze ich schon in Cusco :)
Doch immer schön der Reihe nach...

Camp Cocha
In Cochabamba hatten wir unser letztes offizielles ICYE Camp, wie immer machten wir nicht gerade viel, hauptsáchlich ICYE beurteilen. Ich hätte der Organisation soweit ja gute Noten gegeben, andererseits hatte ich ja auch keine Probleme, bei denen sich ICYE hätte bewähren müssen. Bei einigen Austauschern sah das freilich anders aus, vor allem die in La Paz stationierten deutschen Zivilschutzleistenden schienen im ganzen Jahr keine zufriedene und ruhige Minute gehabt zu haben. Das könnte natürlich an einer äusserst negativen Einstellung, der fehlenden Offenheit gegenüber bolivianischen Bräuchen, bolivianischem Verhalten und der bolivianischen Küche und am verzweifelten Festklammern an deutschen Tugenden gelegen haben...
Um diese wichtige bolivianische Stadt (Vorratskammer des Landes) kennenzulernen, hängte ich noch einen Tag in Cochabamba an. Viel zu sehen gibt es allerdings nicht, einzig die höchste Christusstatue der Welt (ja, höher als die in Rio de Janeiro..), welche mit einem Gondelbähnchen zu erreichen ist, macht touristisch einigermassen etwas hin. Aber sicher eine angenehme Stadt zum Leben, mit einem perfekten Klima, vielen schönen Cafés, etc.

Cochabamba


¡A La Paz, a La Paz!
Alapas, alapas - was ist das denn? Ach so, die wollen Bustickets nach La Paz verkaufen! Na dann, nichts wie hin!
Meinen ersten Tag in der de facto Hauptstadt (ich als Sucrenserin sollte so etwas ja nicht sagen :o) verbrachte ich mit Kultur pur: Museen, Kirchen und abends ins Theater. Auch ein Abstecher in die Artesanías Allee durfte nicht fehlen, wenn ich mich auch aus Rücksicht auf Gewicht und Grösse meines Rucksacks shoppingmässig sehr zurückhielt. Sowieso gibt es die meisten Sachen zum selben Preis auch in Sucre...
Für meinen zweiten Tag hatte ich eine Tour nach Tiahuanaco (oder Tiwanaku) gebucht. Die Ruinen dieser prä-inkaischen Hochkultur befinden sich etwas 2 Stunden von La Paz entfernt. Ohne Führer sähe man wahrscheinlich nur einen Haufen verstreute Steinblöcke, hier eine mauer, da ein Monolith. So aber lernte ich, dass die Tiahuanacos nesipielsweise über ein hochentwickeltes Bewässerungssystem verfügten, Gehirnoperationen vornahmen (mit Koka als Betäubungsmittel!) und systematisch Schädel von Kleinkindern deformierten um eine höhere Neuronenzahl im Gehirn zu erreichen. Sie beherrschten über 2700 Jahre lang das Altiplano und expandierten gegen Schluss hin sogar bis zur Pazifikküste, bevor sie in kleine Gruppen zersplitterten und schliesslich dem Inkareich einverleibt wurden.
Aus meinem Ausflug zum einst höchstgelegenen Skigebiet der Welt (heute hat es keinen Schnee mehr, sprich der Gletscher ist geschmolzen) Chacaltaya wurde leider nichts, so dass ich noch einen Tag in La Paz verbrachte.

Willkakuti - Die Rückkehr der Sonne
Die Wintersonnwende am 21. Juni wird von den Aymaras im bolivianischen Hochland als Fest der Rückkehr der Sonne zelebriert. Tausende Touristen zieht es dafür nach Tiahuanaco, doch wir ICYE Austauscher - die die Lust hatten - erhielten die Gelegenheit an einer etwas ursprünglicheren Zeremonie teilzunehmen. Dafür fuhren wir von La Paz aus ins kleine Dorf Jesús de Machaca, irgendwo nahe der peruanischen Grenze im Nichts des Altiplanos. Um fünf Uhr früh wurden wir aus unseren warmen Betten geholt und eigentlichen Ort der Feierlichkeiten gefahren. Dort wurde kurz vor Sonnenaufgang für einmal kein Opferlamm sondern ein Opferlama geschlachtet, dessen Blut die Pachamama (Mutter Erde) gnädig stimmen soll. Gut, sah ich nicht allzu viel vom anschliessenden weiterreichen des Herzens :s
Mit in die Luft gestreckten Händen wurden die ersten Sonnenstrahlen empfangen, höchste Zeit wenn es nach meinen eingefrorenen Finger- und Zehenspitzen ging. Das ganze ging dann in eine Art Volksfest über, mit Musik, Tanz, Essen und Trinken. Am Mittag wurden die neuen Mallkus (Repräsentanten der Dörfer) gewählt. Dazu stellte man sich hinter den Kandidaten, dessen Rede (natürlich alles in Aymara, da nützte mir auch mein bescheidenes Quechu nichts) einen am meisten überzeugt hatte, und anschliessend wurde geguckt wo die längste Schlange stand.

La Paz


Copacabana
Nach einer weiteren Nacht in La Paz fuhr ich am vergangenen Sonntagvormittag nach Copacabana. Zeit für Strandferien? Naja, fast. Einen Strand hat es in Copacabana zwar schon, doch kühle Winde, die Höhe von fast 4'000 m.ü.M. und eine Wassertemperatur von durchschnittlich gerademal 9 Grad laden nicht unbedingt zum Baden ein. Ihr habt es schon erraten, ich spreche nicht vom berühmten brasilianischen Strand, sondern vom kleinen Touristenort am Titikakasee in Bolivien.
Am Montag unternahm ich einen Ausflug zur Isla del Sol und wanderte von deren Nordteil bis nach Yumani, im Süden der Insel. Der Weg soll anscheinend nur 6 Kilometer lang sein, aber das ständige auf und ab (vor allem natürlich das auf) brachte mich dennoch ganz schön ausser Atem. Ich blieb dann auch über Nacht auf der Insel und bewunderte erst den Sonnenuntergang und dann den Sternenhimmel.
Weil es mir in Copacabana so gut gefiel, das "Hotel" so günstig war, die Lachsforelle so gut schmeckte, ich nicht aus Bolivien wegwollte und überhaupt alles wie Ferien war, blieb ich einen Tag länger als ursprünglich geplant, und fuhr erst gestern Mittwoch Abend ab Richtung Cusco.
Und hier bin ich heute früh, nach der wahrscheinlich kältesten Busfahrt meines Lebens (wozu hat es denn eine Heizung wenn man sie nicht anstellt?!), angekommen. Doch das ist das nächste Kapitel - Fortsetzung folgt.

Copacabana


Montag, 9. Juni 2008

Vida cotidiana (Teil X)

Juhu, ich habe es tatsächlich auf zehn Teile "Vida cotidiana" gebracht. Gut, dass ich bald reise, sonst hätte das glatt noch langweilig werden können...

Flora Andina - Wunderpflänzchen (Teil 4 von 4)

Dass in den Anden so allerlei interessantes wächst, habe ich bereits in den letzten drei Teilen (ja, ich bin Fan von Serien) klar gemacht. Dann gibt es da aber auch so einige berühmt berüchtigte Blättchen, Wurzeln und Früchtchen, deren Wirkung weiter geht.

Die berühmteste wie immer zuerst: die Coca. Und nein, das unscheinbare Blatt selber ist keine Droge. Souvenir T-Shirts verkünden es "La hoja de Coca no es droga", auch wenn insbesondere die amerikanische Regierung alles daransetzte, alle genau das glauben zu lassen und während Jahren in den Krieg gegen die bolivianischen Cocaleros (Coca-Bauern) zog. Der Effekt davon ist das Gesetzt 1008, welches die zum Cocaanbau bestimmte Fläche einschränkt. Irgendwie logisch, dass eine der ersten Amtshandlungen Evo Morales' war, dieses Gesetz (zumindest teilweise) für nichtig zu erklären und zu versprechen die Cocaanbaufläche innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln.
Aus Cocablättern wird vor allem Tee (Mate de Coca) hergestellt, der ähnlich wie Grüntee schmeckt und wirkt und gegen die Höhenkrankheit wirkt. Häufiger jedoch als getrunken wird Coca gekaut: aus grossen Säcken verkaufen die Marktfrauen getrocknete Cocablätter, die zusammen mit Asche gekaut werden und Müdigkeit, Kälte und Hunger vergessen lassen. Kein Buschauffeur ohne "Bola" (Kugel) in der Wange, kein Taxifahrer ohne Cocablätter im Handschuhfach und schon gar kein Minenarbeiter ohne seine Coca. Neben Kalzium, Eisen und Vitaminen enthalten die Cocablätter auch Koffein und, ja, Kokain.
Geschichten von jungen Männern die für einige Zeit im Chapare Coca geerntet hätten und so ein Vermögen gemacht hätten werden immer wieder gerne erzählt. Auch da anscheinend nur die Coca aus den Yungas (Tiefland bei La Paz) nicht aber die aus dem Chapare (Tiefland bei Cochabamba) zum Kauen geeignet sei.
Einfach anzubauen und garantiert hohe Erträge: schwer es den Bauern zu verübeln, dass sie sich nicht mit dem Anbau von Alternativprodukten abmühen. Eine Lösung könnte die Legalisierung der Coca sein, um sie als Inhaltsstoff von Kosmetikprodukten und Zahnpasta oder als Basis für Nahrungsergänzungsmittel&Co. verwenden und vor allem diese Produkte dann auch exportieren zu können. Nicht das Ausgangsprodukt ist das Problem, sondern das Endprodukt, was wohl leider grösstenteils immer noch Kokain ist.

Coca Blatt


Je nach Quelle "Ginseng Andino" (Ginseng der Anden) oder "Viagra Andina" genannt, ist die Maca-Wurzel das Wunderpflänzchen schlechthin. Kaum endenwollend ist die Liste der positiven Wirkungen der Maca: Leistungssteigernd, Antidepressivum, Potenzfördernd, Antianämikum, Stärkung des Immunsystems, etc.
Kein Wunder kann die Maca so viel, hält ja auch selber eine ganze Menge aus. Die Pflanze wächst auf 4000 bis 5000 m.ü.M., wo sie extremer Kälte, starker Soneneinstrahlung und kräftigen Winden ausgesetzt ist.
Verkauft wird Maca in Pillenform oder geröstet und gemahlen als leicht bitter schmeckendes Pulver. Auch Güetzi und Getreideriegel mit Maca in der Zutatenliste habe ich schon gesehen.

Maca Wurzel

Vorsicht, scharf! Der Locoto kann zwar auf den ersten Blick aussehen wie eine zu klein geratene Peperoni (mal abgesehen von den auffällig schwarzen Kernen), doch spätestens der erste Bissen lässt den Irrtum klar und die Suche nach Wasser dringend werden. Schaaaaaaarf! Die Pflanze aus der Familie der Paprikagewächse ist ein beliebtes "Gewürz" in der bolivianischen Küche und wird beinahe täglich gegessen. Während die ganz harten Kerle sich Locoto Würfelchen pur ins Sandwich oder die Suppe packen, wird der Locoto meistens in Form von Llajua konsumiert: im Mahlstein zusammen mit Tomate (und ohne Samen - sonst wird es selbst den Bolivianern zu scharf) gemahlen und mit ein bisschen Salz gewürzt, fertig ist der etwas andere Ketchup :)
Llajua steht immer auf dem Tisch, ob zu Reis, Kartoffeln, Ei, Fleisch oder gar Fisch. Anerkanntermassen schmeckt sie besser auf traditionelle Art zubereitet als aus dem Mixer, Llajua Konserven hatten bisher noch keinen Erfolg. Sehr wohl aber kriegt man in den Pollo Fast Food Schuppen neben Mayonese immer auch Llajua in kleine Säckchen abgefüllt, und angeblich hat es die Llajua sogar ins Menü von Burger King Bolivia (McDonalds gibt es im ganzen Land keinen einzigen!) geschafft.



Mahlstein "Batán"

Die Chagas Krankheit
Ein typisches Beispiel einer Krankheit, die vor allem die armen Menschen betrifft. Übertragen wird der Erreger dieser Krankheit durch den Biss einer Raubwanze (vinchuca), die mit Vorliebe in Lehmwänden und Strohdächern lebt. Also genau so, wie auch die Mehrheit der bolivianischen Landbevölkerung und immer noch viele Leute an den Stadträndern leben. In Bolivien könnte bis zu einem Viertel der Bevölkerung mit dem Erreger infiziert sein, oft unwissend. Auch in meinem Projekt kenne ich einige Kinder, die Chagas haben...
Nach der akuten Phase mit Symptomen wie Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall schlummert der Erreger für 20 oder 30 Jahre vor sich hin und der Kranke ist symptomfrei. Dann kommt es in ca. einem Viertel der Fälle zur chronischen Phase, die im Endeffekt zum Tod durch Herzvergrösserung oder Darmdurchbruch führt.
Impfung oder Vorbeugung gegen die Chagas Krankheit gibt es nicht, heilbar ist sie auch nicht. Erhältlich sind einzig Medikamente, die in der akuten Phase angewendet werden können, um die Wahrscheinlichkeit eines dereinstigen Übergangs in die chronische Phase zu reduzieren. Diese sind jedoch hoch giftig und weisen viele und starke Nebenwirkungen auf.
Klar, wieso sollten die Pharmakonzerne denn ein Interesse daran haben, ein Medikament zu erforschen und zu produzieren, dass die Patienten, die kaum genug zum (Über-)Leben haben, sowieso nicht bezahlen könnten?
Vorbeugende Massnahmen zur Verhinderung der Infektionen wären nicht schwer: Häuser die weder aus Lehm noch aus Stroh gebaut sind, separate Unterkünfte für Haus- und Nutztiere, Verbesserung der sanitären Einrichtungen. Doch in Sucre baut man lieber Parks und richtet WiFi auf der Plaza ein (ja, echt vortschrittlich!), als endlich die armen Vorortquartiere an die Kanalisation und ans fliessende Wasser anzuschliessen und die Behausungen der Menschen zu verbessern.


Suri Sikuri
Der Tanz der an die Jagd der Ñandues (Südamerikanischer Vogel Strauss) erinnert. Suri ist Ñandú in Aymara und Sikuri sind die Flötenspieler, welche den Vogel mit ihren Klängen anlockten. Ein Tanz noch aus den Zeiten vor der Ankunft der Spanier, ein Tanz der auch heute noch im Karneval oder bei folkloristischen Umzügen in Bolivien getanzt wird. Ein Tanz, den auch ich tanzen kann :)
Wie genau sie es geschafft hat mich dazu zu überreden, dass ich tanze, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass ich gestern zusammen mit meiner Gastschwester und einer Auswahl von Studenten aus der Fakultät für Erziehungswissenschaften tanzend durch halb Sucre gezogen bin. Sehr zur Freude natürlich der Zuschauer: "Mira, la Gringuita está bailando" (Schau, die Weisse tanzt) und "Vamos, Gringuita, vamos!".
Während knapp 10 Tagen war jeden Abend zwei Stunden üben angesagt, und jetzt im Nachhinein kann ich nur schwer verstehen wie ich mir die Schritte zu beginn beim besten Willen nicht merken konnte.
Glaubt ihr nicht? Würde ich auch nicht, deshalb zum Beweis einige Fotos. Videos gibt es leider nicht, aber man hat ja Youtube (die Melodie ist schon mal eine, die ich unzählige Male gehört habe, wenn auch der Tanz irgendwie anders aussieht - die Bühne ist halt nicht die Strasse).




Die Erfahrung war die schmerzenden Füsse alle mal wert! :)


Freitag, 30. Mai 2008

Vida cotidiana (Teil IX)


Das tägliche Leben in Sucre geht weiter, nicht mehr lange allerdings. Die Reisezeit ab Mitte Juni kommt mit riesen Schritten näher.

25 de Mayo 1809 - 25 de Mayo 2008
Am 25. Mai 1809 nahm die sogenannte Revolution von Chuquisaca, die 1825 endlich zur Unabhängigkeit Boliviens führte, in Sucre ihren Anfang. Am 25. Mai 2008 wurde der 199. Jahrestags des "Primer Grito de la Libertad", des ersten Rufs nach Freiheit gefeiert. Wie auch schon beim historischen Ereignis, spielten die Studenten der Universität San Francisco eine wichtige Rolle bei den feiern, oder besser gesagt bei dem, was aus den Feiern wurde. Evo Morales hatte für den Samstag, 24. Mai, seinen Besuch angekündigt, um den Gemeinden des Departements von Spanien geschenkte Ambulanzen zu überreichen und neue Bauprojekte vorzustellen. Die Sucrenser, immer noch auf eine Entschuldigung für die beiden Toten vom November pochend, wollten das auf keinen Fall zulassen. Evos Anhänger aus den ländlichen gebieten reisten dennoch an, um ihrem Präsidenten zu zu jubeln und um ihre Geschenke in Empfang zu nehmen. Wie genau es zur Eskalation kam, ist unklar. Anscheinend hatte jemand unter den demonstrierenden Studentetn die Nachricht verbreitet, dass Campesinos in Azari Abra (Vorstadtquartier) auf Studenten einschlagen würden. Der wütende Mob fuhr hin und schnappte sich die - absolut friedlichen - Campesinos; liess sie Hemden ausziehen und trieb sie vor sich her durchs Zentrum Sucres. Auf der Plaza wurden sie gezwungen sich hinzuknien und die Nationalhymne zu singen, während die Studenten ihre Flagge, die Wiphala, verbrannten.
Das war er also, der so oft erwähnte Rassismus in Bolivien. Nicht wie bei uns gegen Ausländer, sondern ganz einfach gegen Menschen die ein wenig mehr Inkablut und ein bisschen weniger spanisches in sich haben, die ärmer leben und härter arbeiten.
Auch wenn sich die Bevölkerung Sucres grössten Teils einig ist, dass es die Studenten dieses Mal eindeutig zu weit getrieben haben, tauchen sofort auch Verschwörungstheorien auf, von wegen die Masistas (Anhänger von Evo Morales' MAS Partei) selbst hätten diesen Akt von Entwürdigung durchgeführt um die Studenten in Misskredit zu bringen.

Fast schneller als die Presse reagieren in solchen Fällen die Graffitischreiber Sucres:
"Visite Sucre, Cuna del Racismo" (Besuchen Sie Sucre, Wiege des Rassismus.) Abwandlung des Werbespruchs "Sucre, Cuna de la Libertad" (Sucre, Wiege der Freiheit)
"Sucre, Capital plena del Racismo" (Sucre, Hauptstadt des Rassismus) In Anspielung auf die Forderung der Sucrenser wieder Hauptstadt Boliviens zu sein.
"Humillar Campesinos no es de Cristianos" (Campesinos zu erniedrigen ist unchristlich)
Und schliesslich: "Las paredes se callarán cuando la prensa diga la verdad" (Die Wände werden schweigen, wenn die Presse die Wahrheit sagt)


Andine Flora (Teil 3 von 4) - Knollen
Über 300 verschiedene Arten von Kartoffeln soll es in Bolivien geben. Uns sollen heute jedoch nur drei ganz besondere Knollen interessieren.
Die berühmteste vorweg: der Chuño. Der Name stammt aus dem Quechua ch'uñu und bedeutet zerknittert, vertrocknet.

Ja, das kleine schwarze Ding ist tatsächlich eine Kartoffel, oder war zumindest einmal eine. Im Hochland Boliviens und Perus werden die Kartoffeln in den kalten Nächten draussen ausgebreitet, wo sie gefrieren. Tagsüber dann werden sie von der unbarmherzigen Sonne getrocknet. Um auch das letzte Quäntchen Wasser rauszupressen, werden die Kartoffeln mit den Füssen gestampft. Der Prozess wird drei Tage und drei Nächte lang durchgeführt, um schliesslich eine kleine, gefriergetrocknete Kartoffel zu erhalten, die ohne besonderen Aufwand jahrelang haltbar bleibt.
Wenn man sich dann schliesslich entschliesst die Kartoffel doch endlich zu essen, lässt man sie zuerst über Nacht einweichen und zieht ihr dann die Schale mehr schlecht als recht ab. Chuños werden in Bolivien oft in Suppen verwendet, manchaml auch als Beilage zu Fleisch, immer kombiniert mir normalen Kartoffeln. Man mag sie oder man mag sie nicht. Der nussige Geschmack und die seltsame Konsistenz, oder ganz einfach das Wissen um ihren Herstellungsprozess, sind nicht jedermanns Sache.

Nummer zwei in meiner Auswahl ist die Papa Lisa. Die kleinen, bunten (rot-orange oder gelb-grün) Kartöffelchen sind im gesamten südamerikanischen Andengebiet (Pleonasmus?) verbreitet, und werden überwiegend auf 3000 bis 4000 m.ü.M. angebaut.

Obwohl einfach zu pflanzen, gibt es mehrere Faktoren, die eine weitere Verbreitung der Papa Lisa verhindern. Zum einen hat es bisher noch niemand versucht, sie maschinell zu ernten, dann braucht sie eine Reifezeit von 7 bis 8 Monaten (normale Kartoffel: 4 bis 5) und schliesslich ist sie auch noch speziell anfällig für Pflanzenviren.
Die Papa Lisa wird in Bolivien zumeist als Ají de Papa Lisa gegessen: gemischt mit Fleisch, Erbsen und gewöhnlichen Kartoffeln wird sie leicht zerstampft und mit einer +/- scharfen Chilisauce serviert. Der Geschmack ist erdig und vor allem der Duft während des Kochens erinnert an Randen.

Zu guter letzt war da noch die Oca.

Glaubt man Wikipedia, kommt die Papa Oca aus der Familie der Sauerkleegewächse. Wie auch die beiden anderen Knollen wird sie auf 3000 bis 4000 m.ü.M. angebaut. Anscheinend ist sie nach der gemeinen Kartoffel die am zweithäufigsten kultivierte Pflanze im andinen Altiplano.
Ihr Geschmack ist säuerlich bis süsslich und gegessen wird sie als Beilage zu Fleisch, immer begleitet von normalen Kartoffeln. Hier gibt es sowieso zu allem Kartoffeln: egal ob beim Gericht schon Teigwaren, Reis oder andere Knollen dabei ist, die zwei Salzkartoffeln, manchmal auch in Form von Bratkartoffeln, dürfen nie fehlen.


Schulausfall
Wovon wir immer vergeblich geträumt haben, ist für die bolivianischen Schüler Realität: freie Tage am laufenden Band. Besonders klar deutlich wird das Problem am Beispiel vergangener Woche.
Alles fing ganz unschuldig am Donnerstag, 22. Mai an: Corpus Christi (Fronleichnam). Am Freitag dann, traten die Lehrer in Streik für höhere Löhne, oder hätten wohl sowieso die Brücke gemacht. Folgt das Wochenende mit den Feierlichkeiten zum 25. Mai; und dann am Montag: frei, als Kompensation, weil der Feiertag auf einen Sonntag gefallen war. Am Dienstag war Muttertag. Unterricht? Fehlanzeige. Zu Ehren der Mütter wurden bolivianische Volkstänze dargeboten. Am Mittwoch machten sich erneut die Lohnforderungen der Lehrer deutlich. Und heute Donnerstag? Paro Civico, Generalstreik, nichts geht in ganz Sucre.
Man darf gespannt sein, ob die Kinder morgen endlich wieder mal zur Schule müssen.
Das ganze Szenario könnte an einer Schweizer Schule ja ganz amüsant und erholsam sein. Hier jedoch kommen Unterrichtsausfälle aus verschiedenen Gründen (Streiks, Demos, Tag des Kindes/Erde/Mutter/Vater/Meeres...) einfach zu häufig vor. Die Stundenzahl ist sowieso schon reduziert, da der Unterricht nur halbtags stattfindet. Das begünstigt die weitverbreitete und breit akzeptierte Kinderarbeit, behindert jedoch den schulischen Fortschritt. Das erste Semester neigt sich dem Ende zu, und meine Erstklässler kennen noch nicht einmal das halbe Alphabet, von den Zahlen ganz zu schweigen. 12 Jahre gehen die Kinder hier zur Schule, zweifelhaft ob sie den Kenntnissstand eines Neuntklässlers in der Schweiz erreichen. Dazu tragen natürlich auch mangelhaft ausgebildete Lehrpersonen und deren zweifelhafte Unterrichtsmethoden (Abschreiben, Auswendiglernen etc.), Desinteresse seitens der Eltern, ungeeignete Lehrmittel, Probleme auf Grund der Zweisprachigkeit Quechua-Spanisch, Konzentrationsschwierigkeiten, sowie schlicht und einfach fehlender Wille und Anstrengung bei.

Arbeitsbericht
Die Xenia arbeitet also in einem armen Quartier mit Kindern. Schön, aber was genau macht sie eigentlich dort?
Im Auftrag meiner obersten Chefin hatte ich einen Bericht über meine Tätigkeit im Schülermittagstisch zu verfassen, der den zukünftigen Freiwilligen einen Einblick in ihre zukünftige Tätigkeit geben soll. Für alle die sich schon immer gefragt haben, was ich denn dort oben in Villa Armonía so treibe, hier der Report in voller Länge. (Ja, hat auch mit Bequemlichkeit zu tun :)).

Meine Arbeit im Centro Juvenil/Comedor Escolar – ein kurzer Bericht

Meistens sind, wenn ich um kurz vor neun im Salón ankomme, schon einige Kinder da. Im Laufe des Vormittags kommen durchschnittlich 20 Kinder an, und zu Spitzenzeiten machen bis zu 40 Mädchen und Jungen ihre Hausaufgaben bei uns. Theoretisch zumindest. Praktisch jedoch üben die Puzzlespiele, das Mikado- und das Memoryspiel und die Bälle eine weitaus grössere Faszination auf die Kinder aus.
Meine Arbeit während der nächsten zweieinhalb Stunden besteht darin, hier etwas zu erklären, dort etwas zu helfen, Materialien (Bücher, Bleistifte, Scheren, usw.) auszuleihen, Prügeleien zu verhindern, Streit zu schlichten, zur Ruhe zu mahnen und vor allem einfach darauf zu achten, dass alle ihre Hausaufgaben erledigen. Obwohl das nicht immer einfach ist, da ich ja nicht weiss, was sie alles zu machen hätten.
Zwischen zehn und halb elf schicke ich einige Kinder los zur projekteigenen Bäckerei, dann gibt es für alle ein Brötchen und manchmal auch noch Tee.
Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, darf spielen. Manchmal versuche ich mit den Kindern ein Spiel zu spielen, aber sobald es etwas ist, das sie nicht kennen und das Erklärung benötigt, ziehen sie es vor nach draussen spielen zu gehen oder müssen plötzlich alle ganz dringend aufs Klo. Bei „didaktisch wertvollen“ Spielen durchschauen sie auch immer ganz schnell, dass man da versucht ihnen etwas beizubringen und suchen das Weite. Leider.
Da ich im Moment die einzige Frewillige bin, die morgens im Centro Juvenil arbeitet, ist es schwierig etwas kreatives zu machen, da ich die meiste Zeit einfach damit beschäftigt bin, den normalen Betrieb aufrecht zu erhalten. So komme ich, sehr zu meinem Bedauern, auch nur selten dazu, mich den Erst- und Zweitklässlern zu widmen und mit ihnen Lesen zu üben – etwas, das dringend nötig wäre, da es tatsächlich solche gibt, die schon drei Jahre zur Schule gehen und noch immer an Wörtern wie „paloma“ hängen bleiben.
Um halb zwölf dann heisst es aufräumen und raus. Beim Vorbereiten der Tische kann ich meistens auf kleine Helfer zählen, die mit mir zusammen in Rekordzeit über hundert Tischsets, Löffel und Becher verteilen. Für das Aufräumen nach dem Essen müssen Besen und Scheuerlappen bereitgestellt werden, und draussen werden Becken und Eimer für den Abwasch mit Wasser gefüllt.
Vor dem grossen Ansturm bleibt meistens Zeit für eine kleine Verschnaufpause.
Aber dafür geht es dann um Viertel nach Zwölf so richtig los: die Türen des Comedor Escolar werden geöffnet und herein stürmen insgesamt gut hundert Kinder zwischen 5 und 15. Bis auch die letzten Trödler und Klatschtanten endlich im Comedor sind, vergeht allerdings geraume Zeit. Beim Überwachen des Händewaschens versuche ich zu verhindern, dass dasselbige in eine Wasserschlacht ausartet.
Wenn ein Grossteil der Kinder endlich an 12 Tischen verteilt auf ihren Plätzen sitzen, werden abwechslungsweise die älteren Jungen oder Mädchen gebeten, das Essen zu servieren. Nach einem kurzen Moment der Ruhe während des Gebets, wird endlich gegessen. Wir Freiwillige verteilen zuerst noch den Nachtisch (Früchte, Milchreis, Joghurt) und dürfen uns dann in der Küche selbst bedienen. Nach kaum einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, und es bleibt nur noch die Putz- und Aufräumarbeiten zu überwachen. Jeden Tag ist ein anderer Tisch damit beauftragt das Geschirr abzuwaschen, die Tische sauber zu machen oder den Raum zu kehren und zu fegen. Nach dem obligatorischen Zähneputzen, dessen absolute Kontrolle natürlich völlig unmöglich ist, können sich die Kinder noch bürsten, kämmen und frisieren und jetzt im Winter verteilen wir auch Feuchtigkeitscreme auf gewaschene Gesichter und Hände.
Um zwei ist meine Arbeit im Comedor zu Ende: alle haben ausgegessen, alles wurde abgewaschen, der Boden ist sauber und alle Kinder sind entweder auf dem Weg zur Schule oder nach Hause.