Mittwoch, 9. Juli 2008

Cusco - Nasca - Pisco

Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht, wenn man auf Reisen ist. Fast drei Wochen bin ich schon in Peru unterwegs und habe bis jetzt nur positive Erfahrungen gemacht. Die Leute sind sehr freundlich und deutlich offener als in Bolivien. Komisch nur, dass die meisten penetrant versuchen Englisch zu sprechen, auch wenn ich ihnen die längste Zeit auf Spanisch Antwort gebe. Das Land ist halt viel touristischer als sein ärmerer Nachbar, das bestätigen auch die Schafherden-ähnlichen englischen, deutschen und japanischen Reisegruppen. Ein dadurch entstehender Nachteil ist die Vertouristisierung der Stadtzentren, mit Preisen die einfach nur noch "Abzocke" rufen. Oder wieso soll man in einem "Restaurante Turistico" für ein angeblich typisch peruanisches Menü 15 Soles (5CHF) bezahlen, wenn es das selbe erst noch authentischer im kleinen Beizli für 3 Soles (1CHF) gibt?
Doch genug davon, kommen wir zur Sache.

Cusco
Der Nabel der Welt (Quechua: Q'osqo) und das Zentrum des peruanischen Tourismus. Meine erste peruanische Stadt hat mich sehr positiv überrascht. Trotz allem internationalen Rummel hat sie eine entspannte Atmosphäre bewahrt. Die schmalen Gässchen und ausladend einladenden Plätze aus Inkazeiten tragen sicher ihren Teil dazu bei. Da können auch die unzähligen Reisebüros, Toursitenrestaurants und Souvenir (bzw. Artesanía) Läden nichts daran ändern.
Das grösste As im Ärmel ist natürlich der nahe gelegene Machu Picchu, an den ich mich mit kleineren Ausflügen langsam herantastete.
Eigentlich wollte ich ja zu Fuss einige Inkaruinen in der Umgebung der Stadt besuchen, doch das Angebot, das hoch zu Ross zu tun, klang einfach zu verlockend. Ganz so toll war es dann aber nicht, Pferde sind einfach verdammt unbequem. Und das ich eigentlich gar nicht reiten kann, schien den Guide auch nicht gross zu interessieren; forsch trabte er voraus.
Sehr schön war aber die Umgebung, grüne Eukalyptuswälder, rote Erde und gelbes Gras. Auch die Inkastätten Tambomachay, Pukapukara, Q'enqo und Saqsaywaman waren durchaus interessant, vor allem dank der Erläuterungen der Tourismusstudenten. Letztere ist die am besten erhaltene und wichtigste Inka Ruine nach Machu Picchu. So gut im Schuss ist sie vor allem dank ihrer erdbebensicheren Bauweise: die teils riesigen Steinblöcke weisen entweder Höhlungen oder Ausbuchtungen auf und sind nie einfach rechteckig. Das ermöglichte es stabile Wände ohne die Verwendung von Mörtel oder ähnlichem zu bauen. Konkave oder konvexe Wände und das Fehlen von rechten Winklen sorgten für zusätzliche tbilität. Anscheinend wurden zum Bau dieser Tempelanlage keine Sklaven eingesetzt, alles basierte auf "freiwilliger Fronarbeit" aus Liebe zu den Göttern und zum Ober-Inka.
Cusco

Langsam tastete ich mich an eines der sieben Weltwunder heran. Doch zuerst ging es rein ins Valle Sagrado (Heiliges Tal) der Inkas. Im kleinen Dörfchen Pisaq bestaunte ich die dort erhalten gebliebenen, oder rekonstruierten, Inkawohnhäuser und die Terrassen, die zur Landwirtschaft genutzt wurden. Da könnten unsere Bergbauern direkt noch etwas lernen! Hoch über dem Dorf liegen die Ruinen, so dass ich einen tollen Blick aufs Tal hatte. Es wird grüner!
Noch grüner war es in Ollantaytambo, wo ich nach dem Besuch eher enttäuschender Ruinen übernachtete, bevor ich dann am nächsten Tag morgens früh um halb 6 den Zug bestieg.
Ja, der einzige Weg um nach Aguas Calientes (auch Machu Picchu Pueblo genannt) zu gelangen ist per Zug. Und wie immer gilt, wo ein Monopol herrscht können die Preise beliebig erhöht werden. Für die knapp anderthalb Stunden Zugfahrt bezahlte ich 30 Franken - und das war die günstigste Variante. Irgendwie ging es denn auch im selben Stil weiter. Für das Eintrittsticket zum eigentlichn Machu Picchu gibt es zwar eine grosszügige Studentenermässigung (halber Preis), doch nur für Studenten mit Uniausweis. Und woher einen solchen nehmen, wenn man noch nicht an der Universität ist? Gerecht war es nicht, aber ich konnte es mir ja leisten und bezahlte den vollen Preis (45 CHF). Der nächste Schlag war der Bus, der einem vom Dorf in knapp 20 Minuten nach oben bringt: 7 Franken.
Doch dann war es endlich soweit, da lag sie vor mir, "die vergessene Stadt der Inkas". Beeindruckend auf den ersten Blick, mit den beiden Bergen im Hintergrund und dem dicht grünen Wald rundherum. Bei näherem Hingucken zeigte sich aber, dass ein Grossteil der angeblichen Ruinen nicht immer liebevoll rekonstruiert sind, nur wenige Wände weisen die charakteristische Inkabauweise auf (siehe oben^^). Zum Glück ist das Gelände so gross, so dass sich die Herscharen gut verteilten. Und über Mittag wurde es plötzlich ganz leer und ich hatte das Gefühl, die Ruinen fast für mich allein zu haben. Irgendwann hatte ich es aber auch gesehen und machte mich zu Fuss auf den Weg runter zum Dorf, um von dort aus dann per Zug zurück nach Cusco zu fahren.
Fazit zum Machu Picchu? Schön und imposant vor allem dank der Lage, sprich der umgebenden Landschaft. Leider hoffnungslos überteuert und sehr touristisch. Aber hey, ich war dort!
Valle Sagrado und Machu Picchu


Nasca
Aus dem grünen Urubambatal in die Wüste. Spätestens seit dem Mystery Park ist uns allen Nasca ein Begriff: genau, die rätselhaften Zeichnungen, Linien und Plätze mitten in der Wüste. Bevor ich den obligaten Flug über die Wüste unternahm, hatte ich die Gelegenheit mich etwas genauer über die verschiedenen Erklärungsansätze zu informiern. Von Däniken beleuchtete das ganze ja ziemlich einseitig ;)
Je nach Forscher sind die Linien astronomische Kalender (tatsächlich weisen einige zu Sonnenauf- und Sonnenuntergangsorten bei Sonnwenden und Tag-und-Nacht-Gleichen hin), Wegweiser zu Wasserquellen oder Wege, die zu Zeremoniezwecken beschritten wurden. In Wahrheit wahrscheinlich eine Mischung aus alledem, schliesslich entstanden die Geoglyphen über Jahrhunderte hinweg. Die ältesten sind die Zeichnungen, die so ortsfremde Tiere wie Wal, Affe und Papagei darstellen. Wahrscheinlich sollten die Götter der Nascas durch die Dargstellung dieser Tiere, die auf die eine oder andere Weise Wasser symbolisieren, daran erinnert werden, doch bitte den so dringend benötigten Regen zu schicken.
Der etwa halbstündige Flug im Kleinstflugzeug (6 Leute inklusive Pilot) zeigte uns 14 der schönsten Figuren, bevor wir sanft wieder landeten.

Nasca


Pisco
Wald, Wüste,... was fehlt? Wer Perus Klimazonen kennt, weiss es: das Meer. Oder genauer gesagt, der pazifische Ozean. Mein Ausgangspunkt dazu war Pisco (ja, wie in Pisco Sour), allerdings nicht für gemütliche Strandferien, sondern für einen Ausflug zu den Islas Ballestas, "die Galapagos des kleinen Mannes".
Wer erinnert sich noch an das Erdbeben von letztem August in Peru? Ich zumindest hätte es erstens völlig vergessen gehabt, und zweitens sowieso nicht gewusst wo es war, wenn mich nicht der Hotelbesitzer in Nasca vorgewarnt hätte. So war ich zumindest theoretisch darauf vorbereitet, dass Pisco zu 70% zerstört worden war. Praktisch aber überraschte mich das Ausmass der Zerstörung, dass auch fast ein Jahr nach der Katastrophe noch herrschte sehr. Da wohnen noch immer Leute in Zelten (von den Behausungen aus Bambusmatten, Holzbrettern und Plastikblachen ganz zu schweigen), da klafft in scheinbar intakten Strassenzügen plötzlich eine Lücke, da stehen sie nebeneinander wie zu klein geratene Einfamilienhäuser, die Notfertigholzhütten (von der Türkei gespendet). Die Strassen voller Löcher oder voller Schutthaufen, das ganze scheint ein einziges Umschichten von Steinen, Sand und Holz zu sein. Und über allem hängt dieser tiefgraue Himmel...
Da war mein Ausflug zu den Inseln doch deutlich erfreulicher: wir bekamen Tölpel, Kormorane, Aasgeier, Pelikane, Krebse, Humboldtpinguine und Seelöwen zu sehen. Und der Höhepunkt ganz zum Schluss: "Da! Ein Delfin!" Er taucht auf, taucht ab, und plötzlich sieht man vier der scheuen Meeressäuger an der Wasseroberfläche. So schnell wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie auch wieder, und zurück blieb das bleigraue Meer.

Pisco



Nichts wie weg aus Pisco, und um dem ewig grauen Himmel zu entfliehen, weg vom Meer. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Eine Vorliebe für "sc" Laute scheinen die Peruaner bei der Bennenung ihrer Städte ja zu haben, doch es geht auch anders. Mittlerweile bin ich in Arequipa, was anscheinend aus dem Quechua "Ari, quipay" (Ja, bleiben!) kommt. Mal sehen wie lange es mich hier noch hält :)
ps: Fotos wie immer bei Gelegenheit. Die zum ersten Blog sind mittlerweile da!

Donnerstag, 26. Juni 2008

Cochabamba - La Paz - Copacabana

Endlich unterwegs! Gestern ist der bolivianische Teil meiner Reise zu Ende gegangen, und heute sitze ich schon in Cusco :)
Doch immer schön der Reihe nach...

Camp Cocha
In Cochabamba hatten wir unser letztes offizielles ICYE Camp, wie immer machten wir nicht gerade viel, hauptsáchlich ICYE beurteilen. Ich hätte der Organisation soweit ja gute Noten gegeben, andererseits hatte ich ja auch keine Probleme, bei denen sich ICYE hätte bewähren müssen. Bei einigen Austauschern sah das freilich anders aus, vor allem die in La Paz stationierten deutschen Zivilschutzleistenden schienen im ganzen Jahr keine zufriedene und ruhige Minute gehabt zu haben. Das könnte natürlich an einer äusserst negativen Einstellung, der fehlenden Offenheit gegenüber bolivianischen Bräuchen, bolivianischem Verhalten und der bolivianischen Küche und am verzweifelten Festklammern an deutschen Tugenden gelegen haben...
Um diese wichtige bolivianische Stadt (Vorratskammer des Landes) kennenzulernen, hängte ich noch einen Tag in Cochabamba an. Viel zu sehen gibt es allerdings nicht, einzig die höchste Christusstatue der Welt (ja, höher als die in Rio de Janeiro..), welche mit einem Gondelbähnchen zu erreichen ist, macht touristisch einigermassen etwas hin. Aber sicher eine angenehme Stadt zum Leben, mit einem perfekten Klima, vielen schönen Cafés, etc.

Cochabamba


¡A La Paz, a La Paz!
Alapas, alapas - was ist das denn? Ach so, die wollen Bustickets nach La Paz verkaufen! Na dann, nichts wie hin!
Meinen ersten Tag in der de facto Hauptstadt (ich als Sucrenserin sollte so etwas ja nicht sagen :o) verbrachte ich mit Kultur pur: Museen, Kirchen und abends ins Theater. Auch ein Abstecher in die Artesanías Allee durfte nicht fehlen, wenn ich mich auch aus Rücksicht auf Gewicht und Grösse meines Rucksacks shoppingmässig sehr zurückhielt. Sowieso gibt es die meisten Sachen zum selben Preis auch in Sucre...
Für meinen zweiten Tag hatte ich eine Tour nach Tiahuanaco (oder Tiwanaku) gebucht. Die Ruinen dieser prä-inkaischen Hochkultur befinden sich etwas 2 Stunden von La Paz entfernt. Ohne Führer sähe man wahrscheinlich nur einen Haufen verstreute Steinblöcke, hier eine mauer, da ein Monolith. So aber lernte ich, dass die Tiahuanacos nesipielsweise über ein hochentwickeltes Bewässerungssystem verfügten, Gehirnoperationen vornahmen (mit Koka als Betäubungsmittel!) und systematisch Schädel von Kleinkindern deformierten um eine höhere Neuronenzahl im Gehirn zu erreichen. Sie beherrschten über 2700 Jahre lang das Altiplano und expandierten gegen Schluss hin sogar bis zur Pazifikküste, bevor sie in kleine Gruppen zersplitterten und schliesslich dem Inkareich einverleibt wurden.
Aus meinem Ausflug zum einst höchstgelegenen Skigebiet der Welt (heute hat es keinen Schnee mehr, sprich der Gletscher ist geschmolzen) Chacaltaya wurde leider nichts, so dass ich noch einen Tag in La Paz verbrachte.

Willkakuti - Die Rückkehr der Sonne
Die Wintersonnwende am 21. Juni wird von den Aymaras im bolivianischen Hochland als Fest der Rückkehr der Sonne zelebriert. Tausende Touristen zieht es dafür nach Tiahuanaco, doch wir ICYE Austauscher - die die Lust hatten - erhielten die Gelegenheit an einer etwas ursprünglicheren Zeremonie teilzunehmen. Dafür fuhren wir von La Paz aus ins kleine Dorf Jesús de Machaca, irgendwo nahe der peruanischen Grenze im Nichts des Altiplanos. Um fünf Uhr früh wurden wir aus unseren warmen Betten geholt und eigentlichen Ort der Feierlichkeiten gefahren. Dort wurde kurz vor Sonnenaufgang für einmal kein Opferlamm sondern ein Opferlama geschlachtet, dessen Blut die Pachamama (Mutter Erde) gnädig stimmen soll. Gut, sah ich nicht allzu viel vom anschliessenden weiterreichen des Herzens :s
Mit in die Luft gestreckten Händen wurden die ersten Sonnenstrahlen empfangen, höchste Zeit wenn es nach meinen eingefrorenen Finger- und Zehenspitzen ging. Das ganze ging dann in eine Art Volksfest über, mit Musik, Tanz, Essen und Trinken. Am Mittag wurden die neuen Mallkus (Repräsentanten der Dörfer) gewählt. Dazu stellte man sich hinter den Kandidaten, dessen Rede (natürlich alles in Aymara, da nützte mir auch mein bescheidenes Quechu nichts) einen am meisten überzeugt hatte, und anschliessend wurde geguckt wo die längste Schlange stand.

La Paz


Copacabana
Nach einer weiteren Nacht in La Paz fuhr ich am vergangenen Sonntagvormittag nach Copacabana. Zeit für Strandferien? Naja, fast. Einen Strand hat es in Copacabana zwar schon, doch kühle Winde, die Höhe von fast 4'000 m.ü.M. und eine Wassertemperatur von durchschnittlich gerademal 9 Grad laden nicht unbedingt zum Baden ein. Ihr habt es schon erraten, ich spreche nicht vom berühmten brasilianischen Strand, sondern vom kleinen Touristenort am Titikakasee in Bolivien.
Am Montag unternahm ich einen Ausflug zur Isla del Sol und wanderte von deren Nordteil bis nach Yumani, im Süden der Insel. Der Weg soll anscheinend nur 6 Kilometer lang sein, aber das ständige auf und ab (vor allem natürlich das auf) brachte mich dennoch ganz schön ausser Atem. Ich blieb dann auch über Nacht auf der Insel und bewunderte erst den Sonnenuntergang und dann den Sternenhimmel.
Weil es mir in Copacabana so gut gefiel, das "Hotel" so günstig war, die Lachsforelle so gut schmeckte, ich nicht aus Bolivien wegwollte und überhaupt alles wie Ferien war, blieb ich einen Tag länger als ursprünglich geplant, und fuhr erst gestern Mittwoch Abend ab Richtung Cusco.
Und hier bin ich heute früh, nach der wahrscheinlich kältesten Busfahrt meines Lebens (wozu hat es denn eine Heizung wenn man sie nicht anstellt?!), angekommen. Doch das ist das nächste Kapitel - Fortsetzung folgt.

Copacabana


Montag, 9. Juni 2008

Vida cotidiana (Teil X)

Juhu, ich habe es tatsächlich auf zehn Teile "Vida cotidiana" gebracht. Gut, dass ich bald reise, sonst hätte das glatt noch langweilig werden können...

Flora Andina - Wunderpflänzchen (Teil 4 von 4)

Dass in den Anden so allerlei interessantes wächst, habe ich bereits in den letzten drei Teilen (ja, ich bin Fan von Serien) klar gemacht. Dann gibt es da aber auch so einige berühmt berüchtigte Blättchen, Wurzeln und Früchtchen, deren Wirkung weiter geht.

Die berühmteste wie immer zuerst: die Coca. Und nein, das unscheinbare Blatt selber ist keine Droge. Souvenir T-Shirts verkünden es "La hoja de Coca no es droga", auch wenn insbesondere die amerikanische Regierung alles daransetzte, alle genau das glauben zu lassen und während Jahren in den Krieg gegen die bolivianischen Cocaleros (Coca-Bauern) zog. Der Effekt davon ist das Gesetzt 1008, welches die zum Cocaanbau bestimmte Fläche einschränkt. Irgendwie logisch, dass eine der ersten Amtshandlungen Evo Morales' war, dieses Gesetz (zumindest teilweise) für nichtig zu erklären und zu versprechen die Cocaanbaufläche innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln.
Aus Cocablättern wird vor allem Tee (Mate de Coca) hergestellt, der ähnlich wie Grüntee schmeckt und wirkt und gegen die Höhenkrankheit wirkt. Häufiger jedoch als getrunken wird Coca gekaut: aus grossen Säcken verkaufen die Marktfrauen getrocknete Cocablätter, die zusammen mit Asche gekaut werden und Müdigkeit, Kälte und Hunger vergessen lassen. Kein Buschauffeur ohne "Bola" (Kugel) in der Wange, kein Taxifahrer ohne Cocablätter im Handschuhfach und schon gar kein Minenarbeiter ohne seine Coca. Neben Kalzium, Eisen und Vitaminen enthalten die Cocablätter auch Koffein und, ja, Kokain.
Geschichten von jungen Männern die für einige Zeit im Chapare Coca geerntet hätten und so ein Vermögen gemacht hätten werden immer wieder gerne erzählt. Auch da anscheinend nur die Coca aus den Yungas (Tiefland bei La Paz) nicht aber die aus dem Chapare (Tiefland bei Cochabamba) zum Kauen geeignet sei.
Einfach anzubauen und garantiert hohe Erträge: schwer es den Bauern zu verübeln, dass sie sich nicht mit dem Anbau von Alternativprodukten abmühen. Eine Lösung könnte die Legalisierung der Coca sein, um sie als Inhaltsstoff von Kosmetikprodukten und Zahnpasta oder als Basis für Nahrungsergänzungsmittel&Co. verwenden und vor allem diese Produkte dann auch exportieren zu können. Nicht das Ausgangsprodukt ist das Problem, sondern das Endprodukt, was wohl leider grösstenteils immer noch Kokain ist.

Coca Blatt


Je nach Quelle "Ginseng Andino" (Ginseng der Anden) oder "Viagra Andina" genannt, ist die Maca-Wurzel das Wunderpflänzchen schlechthin. Kaum endenwollend ist die Liste der positiven Wirkungen der Maca: Leistungssteigernd, Antidepressivum, Potenzfördernd, Antianämikum, Stärkung des Immunsystems, etc.
Kein Wunder kann die Maca so viel, hält ja auch selber eine ganze Menge aus. Die Pflanze wächst auf 4000 bis 5000 m.ü.M., wo sie extremer Kälte, starker Soneneinstrahlung und kräftigen Winden ausgesetzt ist.
Verkauft wird Maca in Pillenform oder geröstet und gemahlen als leicht bitter schmeckendes Pulver. Auch Güetzi und Getreideriegel mit Maca in der Zutatenliste habe ich schon gesehen.

Maca Wurzel

Vorsicht, scharf! Der Locoto kann zwar auf den ersten Blick aussehen wie eine zu klein geratene Peperoni (mal abgesehen von den auffällig schwarzen Kernen), doch spätestens der erste Bissen lässt den Irrtum klar und die Suche nach Wasser dringend werden. Schaaaaaaarf! Die Pflanze aus der Familie der Paprikagewächse ist ein beliebtes "Gewürz" in der bolivianischen Küche und wird beinahe täglich gegessen. Während die ganz harten Kerle sich Locoto Würfelchen pur ins Sandwich oder die Suppe packen, wird der Locoto meistens in Form von Llajua konsumiert: im Mahlstein zusammen mit Tomate (und ohne Samen - sonst wird es selbst den Bolivianern zu scharf) gemahlen und mit ein bisschen Salz gewürzt, fertig ist der etwas andere Ketchup :)
Llajua steht immer auf dem Tisch, ob zu Reis, Kartoffeln, Ei, Fleisch oder gar Fisch. Anerkanntermassen schmeckt sie besser auf traditionelle Art zubereitet als aus dem Mixer, Llajua Konserven hatten bisher noch keinen Erfolg. Sehr wohl aber kriegt man in den Pollo Fast Food Schuppen neben Mayonese immer auch Llajua in kleine Säckchen abgefüllt, und angeblich hat es die Llajua sogar ins Menü von Burger King Bolivia (McDonalds gibt es im ganzen Land keinen einzigen!) geschafft.



Mahlstein "Batán"

Die Chagas Krankheit
Ein typisches Beispiel einer Krankheit, die vor allem die armen Menschen betrifft. Übertragen wird der Erreger dieser Krankheit durch den Biss einer Raubwanze (vinchuca), die mit Vorliebe in Lehmwänden und Strohdächern lebt. Also genau so, wie auch die Mehrheit der bolivianischen Landbevölkerung und immer noch viele Leute an den Stadträndern leben. In Bolivien könnte bis zu einem Viertel der Bevölkerung mit dem Erreger infiziert sein, oft unwissend. Auch in meinem Projekt kenne ich einige Kinder, die Chagas haben...
Nach der akuten Phase mit Symptomen wie Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall schlummert der Erreger für 20 oder 30 Jahre vor sich hin und der Kranke ist symptomfrei. Dann kommt es in ca. einem Viertel der Fälle zur chronischen Phase, die im Endeffekt zum Tod durch Herzvergrösserung oder Darmdurchbruch führt.
Impfung oder Vorbeugung gegen die Chagas Krankheit gibt es nicht, heilbar ist sie auch nicht. Erhältlich sind einzig Medikamente, die in der akuten Phase angewendet werden können, um die Wahrscheinlichkeit eines dereinstigen Übergangs in die chronische Phase zu reduzieren. Diese sind jedoch hoch giftig und weisen viele und starke Nebenwirkungen auf.
Klar, wieso sollten die Pharmakonzerne denn ein Interesse daran haben, ein Medikament zu erforschen und zu produzieren, dass die Patienten, die kaum genug zum (Über-)Leben haben, sowieso nicht bezahlen könnten?
Vorbeugende Massnahmen zur Verhinderung der Infektionen wären nicht schwer: Häuser die weder aus Lehm noch aus Stroh gebaut sind, separate Unterkünfte für Haus- und Nutztiere, Verbesserung der sanitären Einrichtungen. Doch in Sucre baut man lieber Parks und richtet WiFi auf der Plaza ein (ja, echt vortschrittlich!), als endlich die armen Vorortquartiere an die Kanalisation und ans fliessende Wasser anzuschliessen und die Behausungen der Menschen zu verbessern.


Suri Sikuri
Der Tanz der an die Jagd der Ñandues (Südamerikanischer Vogel Strauss) erinnert. Suri ist Ñandú in Aymara und Sikuri sind die Flötenspieler, welche den Vogel mit ihren Klängen anlockten. Ein Tanz noch aus den Zeiten vor der Ankunft der Spanier, ein Tanz der auch heute noch im Karneval oder bei folkloristischen Umzügen in Bolivien getanzt wird. Ein Tanz, den auch ich tanzen kann :)
Wie genau sie es geschafft hat mich dazu zu überreden, dass ich tanze, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass ich gestern zusammen mit meiner Gastschwester und einer Auswahl von Studenten aus der Fakultät für Erziehungswissenschaften tanzend durch halb Sucre gezogen bin. Sehr zur Freude natürlich der Zuschauer: "Mira, la Gringuita está bailando" (Schau, die Weisse tanzt) und "Vamos, Gringuita, vamos!".
Während knapp 10 Tagen war jeden Abend zwei Stunden üben angesagt, und jetzt im Nachhinein kann ich nur schwer verstehen wie ich mir die Schritte zu beginn beim besten Willen nicht merken konnte.
Glaubt ihr nicht? Würde ich auch nicht, deshalb zum Beweis einige Fotos. Videos gibt es leider nicht, aber man hat ja Youtube (die Melodie ist schon mal eine, die ich unzählige Male gehört habe, wenn auch der Tanz irgendwie anders aussieht - die Bühne ist halt nicht die Strasse).




Die Erfahrung war die schmerzenden Füsse alle mal wert! :)